Beliebtester Pauker sagt ade

Guten Morgen! Mit dem Gruß ihres Direktors an der Schulpforte beginnt seit 28 Jahren der Alltag der Geschwister-Scholl-Oberschüler aus Auerbach. Mit einem saloppen "Hallo" und nachmittags einem "Tschüss" erwidern 380 Jungen und Mädchen den Gruß von Klaus Batsch. Ab 1. Februar wird einer der beliebtesten Lehrer Deutschlands nicht mehr am Eingang stehen. Im Ruhestand darf der "noch" 64-Jährige so lange ausschlafen, wie er will.

Von Cornelia Henze

Auerbach - Man könne gar nicht gut an den letzten Tag von Herrn Batsch an der Schule denken, sagt Schulsprecherin Vivienne Schönherr. Die Zehntklässlerin zieht die Mundwinkel nach unten. Dass Schüler einen Lehrer wirklich verehren, lieben und ihn, geht er in Rente, vermissen, soll vorkommen.
Der Beweis dafür steht seit 2012 auf Klaus Batschs Schreibtisch: Die gläserne Trophäe vom "Deutschen Lehrerpreis 2012". Vor sechs Jahren wurde der Schulleiter von seiner damaligen Klasse 10 für die Auszeichnung vorgeschlagen - und schließlich auch prämiert.
Der Preis mache ihn noch heute froh, eben, weil er nicht von irgendwem, sondern von seinen Schülern veranlasst wurde. Dass der Direktor jeden Morgen höchstselbst an der Pforte steht, ist eines, was seine Schüler ihm anrechnen und nicht alltäglich ist. "Einer muss ja sowieso da stehen, warum dann nicht ich?", sagt Batsch bescheiden. Zudem sei der frühe Morgen geeignet, um die Stimmung "seiner" Kinder aufzufangen. Mal kommen sie gut gelaunt, ein andermal, wer weiß, warum, eher missgestimmt. Problemchen, die den Schülern am Herzen liegen, werden dort oder auch in den Pausen auf- und sich ihrer angenommen.


Mitten unter den Schülern sein, das ist eines von Klaus Batsch Markenzeichen. Bei einem Tür- und Angelgespräch zwischen Sportfans - Batsch liebt den 1. FC Magdeburg, RB Leipzig und auch die Eishockey-Eisbären Berlin - ist die Basis für einen guten Geschichtsunterricht später im Klassenzimmer gelegt. In den verbleibenden wenigen Tagen ist der Direx in den Klassen unterwegs: Um das letzte Mal Geschichte zu lehren, eine Klassenarbeit zu schreiben oder Lebwohl zu sagen.
Aufgewachsen und in die Schule gegangen ist Klaus Batsch im Sachsen-Anhaltinischen Zerbst. Studiert hat er in Leipzig Lehramt für Geschichte und Russisch und seine ersten zehn Lehrerjahre unterrichtete er an einer Polytechnischen Oberschule in Borna.
"Für mich war von Anfang an klar, dass ich Lehrer werde", besinnt sich Klaus Batsch zurück. Nicht ganz unschuldig an diesem Lebensweg sei seine Russisch-Lehrerin gewesen, eine "tolle Lehrerin mit viel Feuer für den Beruf". Wegen seiner Frau, einer Ellefelderin, zog der Pädagoge 1988 ins Vogtland.


Seine erste Lehrerstelle war die an der Goetheschule Auerbach (damals POS, heute Gymnasium). Zwei Jahre später wurde er dort zum Schulleiter gewählt und 1992 kam der Umzug in die heutige Scholl-Schule (vorwendig EOS) und damit der komplette Neuanfang nach bundesdeutschem Schulsystem. Schulleiter habe er anfangs nie werden wollen, höchstens Stellvertreter. Doch sei er damals mehrfach gebeten und gedrängt worden, sich für den vakanten Posten in der aufregenden Nachwendezeit zu bewerben.
Wenn der Lehrer vor seinen Schülern steht, dann fesselt er diese mit seiner auch in der Freizeit betriebenen Leidenschaft, der Geschichte. Dabei scheint es den Klassen wenig auszumachen, dass der Direx noch zu jenen zählt, die Geschichtszahlen lieber mit Kreide an die Tafel schreiben, als diese am Smartphone anzuklicken.


"Ich bin und bleibe in der Kreidezeit", sagt Batsch bestimmt, obwohl er der Digitalisierung im Klassenzimmer wohlwollend entgegenschaut, jedoch jungen Kollegen dort den Vortritt lässt. "Ich war der Erste vor Jahren, der Videos zeigte und jetzt bin ich auch der Letzte", bemerkt er mit trockenem Humor. Zwischen 2009 und 2012 wurde die Schollschule generalsaniert. Heute gibt es in vielen Klassenzimmern interaktive Tafeln und auch WLAN.
Dass Schule sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert hat, sei richtig. Aber nicht unbedingt zum Schlechten, auch wenn vielen Kollegen zuerst das Negative einfiele. "Für mich ist das Glas immer halbvoll" sagt Batsch und denkt an seine 380 Schüler, von denen vielleicht ein Dutzend Sorgenkinder sind. Die Mehrzahl gehe ihren Weg und zu Jahrgangs- und Klassentreffen staune er oft nicht schlecht, was aus seinen Schülern geworden ist. Einer sei sogar heute Arzt.
Die Jugend sei heute eben anders, weniger respektvoll zu Erwachsenen - und auch er als Direktor habe sich erst an das lässige "Hallo" statt eines respektvollen "Guten Morgens" aus Schülermund gewöhnen müssen. Schüler, die früher in der Pubertät, in den oberen Klassen, für Probleme sorgten, werden immer jünger und seien heute schon unter Fünftklässlern zu finden. "Wir habe eine tolle Sozialarbeiterin an der Schule. Solche braucht man heute", weist Klaus Batsch besonders auf zunehmende verbale Gewalt in den sozialen Netzwerken hin.
Dass es an der "Scholl" meist zugehe, wie in einer großen Familie, sich Schüler und Lehrer auf Augenhöhe begegnen, liegt auch am einfachen, einzuhaltenden Kodex, auf den Klaus Batsch die ganzen Jahre setzte: Grüßen und Mütze ab im Schulhaus. Kaugummi beim Sprechen raus und das Smartphone rein in den Spind.
Am 31. Januar ist Klaus Batsch letzter Arbeitstag. Zurück kommen, mal als Aushilfslehrer, mag er nicht. Die Zeit will der Ellefelder mit seiner Frau verbringen, ab und zu ins Fußballstadion gehen und samstags die Bundesliga schauen. "Trotzdem würde ich immer wieder Lehrer sein wollen."