Bei Unfall Mutter und Vater verloren

Hof/Plauen -Sechs Jahre nach dem schweren Unfall, bei dem sie beide Elternteile verloren hat, ist Karina Zdanevich wieder in Hof. Die heute 19 Jahre alte Weißrussin macht hier ein Praktikum.

 

 Es war im Winter 2004, kurz vor Weihnachten. Familie Zdanevich ist auf dem Weg von Brest in Weißrussland nach Heilbronn, wo sie zu Besuch bei Freunden sind. Es ist Nacht, es schneit, es ist glatt, als das Auto der Familie in der Nähe von Schleiz auf der A 9 ins Schleudern gerät und mit einem Lkw kollidiert. Karinas Mutter ist sofort tot, der schwer verletzte Vater und die damals Dreizehnjährige werden nach Hof ins Krankenhaus eingeliefert.

Das Rettungsteam um Unfallchirurg Professor Dr. Matthias Schürmann kümmert sich um die beiden Schwerverletzten. Während der Vater während der Operation an seinen schweren inneren Verletzungen stirbt, gelingt es, Karina zu retten. Das Mädchen hat beim Unfall schwere Wirbelsäulen-Verletzungen davongetragen.

Schürmann und der Narkosearzt Dr. Viktor Zeiler, der russisch spricht, überbringen dem Kind die Nachricht vom Tod der Eltern. Dann, wenige Stunden nach der Operation, setzt Matthias Schürmann alle Hebel in Bewegung. Er sucht Unterstützung für Karina. Und findet sie im Rotary Club Hof-Bayerisches Vogtland, der die "Patenschaft" für das Mädchen übernimmt, in der Frankenpost und dem Vogtland-Anzeiger und ihren Lesern. Das Schicksal des kleinen Mädchens, das nur einen Wunsch hat, schnell nach Hause zu seiner etwas älteren Schwester Alona zu kommen, rührt die Menschen in Hochfranken und dem Vogtland.

Auf dem Konto, das die Rotarier eingerichtet haben, gehen Spendengelder ein. Genug, um den Transport-Flug nach Weißrussland zu bezahlen. Genug auch, um eventuell medizinische Kosten zu übernehmen. Ob die weißrussische Familie eine in Deutschland gültige Krankenversicherung hat, ist in diesen Dezember-Tagen noch nicht klar.

Karina hat viel Glück in ihrem Leid. Das Unternehmen für Flugtransporte spendet einen großen Teil der Kosten, das Sana-Klinikum Hof verzichtet auf den größten Teil der Behandlungskosten. Die Mitglieder des Rotary-Clubs beschließen sehr schnell: Das Geld, das auf dem gemeinnützig verwalteten Konto liegt, soll in die Ausbildung des Mädchens fließen.

So geschieht das auch: Karina wird nach ihrer Genesung von ihrer Schwester und dem Schwager betreut. Sie macht die Schule zu Ende und geht zum Studium. Jetzt studiert sie im benachbarten Polen, in Poznan, Hotel- und Restaurant-Business. Die Studiengebühr ist von den Spendengeldern finanziert - und reicht gerade noch bis zum Examen.

 

Zum ersten Mal wieder in Hof, trifft Karina die Helfer von damals. Aus dem eingeschüchterten Kind ist eine offene, fröhliche junge Frau geworden. Sie freut sich über das Wiedersehen mit Professor Schürmann und seinem Ärzteteam. Sie besucht auch die Rotarier, um Danke zu sagen. Und sie macht im Hotel-Restaurant Falter in Hof ein studienbegleitendes Praktikum.

Die schwere Zeit hat sie gut überwunden. "Vier Tage war ich in Hof im Klinikum, dann bin ich nach Hause geflogen worden", erinnert sich die junge Frau, die vor zwei Wochen in Hof ihren 19. Geburtstag gefeiert hat, an die schlimme Zeit. "Danach war ich noch eine Woche in Brest im Krankenhaus." Ein weiterer Glücksfall, der behandelnde Arzt wohnte in ihrer Straße, war ein Nachbar, der die Genesung weiter begleitete. "Drei Monate war ich zu Hause noch im Bett, durfte nur 15 Minuten am Tag aufstehen", weiß sie heute. Dann war die Genesung perfekt. Heute merkt man der jungen Frau nichts mehr von eventuellen Unfallfolgen an.

Vielmehr packt sie entschlossen ihr Leben an. Den vergangenen Sommer hat sie in Griechenland verbracht, als Kellnerin in einem Restaurant auf der Insel Kos. Einige Wochen im Winter, auch hier schreibt die Uni ein Praktikum vor, verbringt Karina in Courchevel, einem Skiort in den französischen Alpen. Und bis zu den nächsten Prüfungen musste sie auch in Hof büffeln. "Morgen muss ich mit dem Bus nach Poznan fahren, damit ich am kommenden Montag meine Prüfung schreiben kann", sagt sie.

Karina ist eine fröhliche junge Frau, die immer ein Lachen im Gesicht hat. Sie liebt Musik und liest gerne. Das deutsche Essen schmeckt ihr. "Ich mag Klöße, Schnitzel und Gans", erzählt sie. Sie ist wissbegierig und offen für alles Neue. Die Paten betreuen in diesen Tagen Karina an ihren arbeitsfreien Tagen. Die Hilfsbereitschaft und die Unterstützung der Frankenpost und Vogtland-Anzeiger-Leser, die mit ihren Spenden der Vollwaise eine Ausbildung und einen Start in ein eigenständiges Leben ermöglicht haben, wird die junge Weißrussin nie vergessen. "Ich war hier doch fremd und kenne jetzt so viele nette Menschen", sagt die 19-Jährige. Und sie lächelt ihr gewinnendes, fröhliches Lächeln.   Kerstin Dolde