Bausch neuer Operndirektor in Plauen und Zwickau

Er würde es vermutlich nie so formulieren, aber der Mann scheint Wissen und Bildung wie ein Schwamm in sich aufzusaugen. Im zarten Alter von zehn Jahren ziehen die Eltern von Stefan Bausch 1974 mit dem Filius aus Hannover nach München um. Nach Schulzeit und Abitur studiert er Regie für Musik- und Sprechtheater, landet mit seinem Lehrer gleich einen Volltreffer. Es ist niemand Geringeres als der legendäre August Everding.

Im Oktober 1989 kommt er "pünktlich zum Mauerfall", wie er schelmisch anmerkt, nach Berlin, entschließt sich, ein weiteres Studium obendrauf zu packen. Diesmal Germanistik, Englisch, Kunstgeschichte und Italianistik. Kundige wissen, dass damit nicht nur die Sprache, sondern auch die gesamte Kultur und Geschichte gemeint ist. "Ich war überrascht, wie viele Italiener es zu dieser Zeit in Berlin gab, jede Woche klingelte das Telefon, um meine Dolmetscherdienste zu buchen", erinnert er sich an die auch für ihn spannende Zeit. Bis er 30 wurde übersetzte er in und aus dem Englischen, in und aus dem Italienischen. "Irgendwie hat das aber nur meinen Einstieg ins Theater verzögert", resümiert Bausch, dessen bewundernswerte Eigenschaft es ist, druckreif und dennoch intelligent-frisch zu formulieren. Mit 30 also verschlägt es den bisherigen Großstädter in die vermeintliche Provinz. Drei Jahre in Frankfurt/Oder, der "Vorstadt Berlins", wie er sagt, als Dramaturg für Sprech- und Musiktheater. Danach nähert er sich geografisch wieder der Küste, agiert in Rostock als Leitender Dramaturg und einer von zwei Operndirektoren. Dazwischen ein Seitensprung, beruflicher Art natürlich, als Schauspieldozent an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin.

Zuvor, bereits Anfang der 90er, erhält er eine Hospitantenstelle bei Georgio Strehler in Mailand, wenig später bei Patrice Guiraud in Paris. Nicht nur Enthusiasten als Giganten der europäischen Theaterszene bekannt. Berufliche Glücksmomente, die prägen. Als der Rostocker Intendant Michael Schlicht nach Eisenach wechselt nimmt er Bausch als seinen Stellvertreter und Chefdramaturgen mit ins Thüringische. Viele spannende Regisseure an diesem ausschließlichen Musiktheater habe er dort kennengelernt. "Alle auf der Suche, wie man die alte Kunstform Oper erneuern kann, Erneuerung als dauerhaften Vorgang, als Rechtfertigung des Genres in der heutigen Zeit." "Opern", so Bausch, "galten bis dahin als schwere Schiffe, jetzt begann eine neue Generation sie für unsere Zeit lebendig zu machen", gerät der eher nachdenkliche Mann ins Schwärmen. "Wenn Oper nicht mehr ist als ein kostümiertes Konzert, dann haben auch vor allem junge Leute ihre Schwierigkeiten damit", fügt er an und gibt freimütig zu, eine Oper erst als Erwachsener bewusst erlebt zu haben.

Die Kernfrage laute doch immer, wie kann ich das Wesentliche in welcher Form herausarbeiten. "Diese Frage werde ich mir stellen, so lange ich laufen kann." So spannungsgeladen-kreativ die Zeit in Eisenach auch war, hier erlebte er zugleich die wohl schwierigste Phase im Leben eines Künstlers. Das Theater wurde abgewickelt, er war hautnah dabei und betroffen. "Es war eine krasse Zeit, das Kultusministerium bedrohte mit seinen Kürzungsplänen drei von sieben Theatern. Die Bevölkerung kämpfte um ihr Haus, die Stadt, nur die Politiker nicht. Das hat uns alle tief enttäuscht", blickt er zurück. "Was blieb, war ein Eisenacher Theater als eine Art Dependance von Meiningen, von zehn Millionen Euro wurden letztlich zwei Millionen eingespart und die ausschließlich auf Kosten des Eisenacher Musiktheaters."

Scheut ein derart gebranntes Kind das Feuer? Fürchtet er für das Theater Plauen-Zwickau ein ähnliches Schicksal? "Das tut man", gibt er unumwunden zu. Aber das kulturelle Bewusstsein sei hier weiter, fügt er an. Und dann mehr laut denkend als formulierend: "Ich wünschte mir in einer Epoche zu leben, wo das Theater aus finanziellen Gründen nicht ständig in Frage gestellt wird."

Seit letztem Jahr nun also Zwickau und Plauen. "Geholt" von Generalintendant May, als Dramaturg und Operndirektor. Eine belastende Doppelfunktion? Das eine sei Grund für das andere. "Ich bin zuerst Programmmacher und dann Besetzer von Rollen". Auch hier die ihn überall umtreibende Frage, wie lebendiges Theater funktioniert, was relevantes Theater ausmacht. Und endlich auch der Mut für eine bekennende Laienfrage: Wie gut muss ein Operndirektor selbst singen können? "Gar nicht", erwidert Bausch lächelnd, und er kenne auch keinen, der das könne. "La Traviata" an beiden Häusern in Originalsprache - ein Heimspiel für den Italianistiker? "Überhaupt nicht, denn das Italienisch von Verdi ist nicht das an den Universitäten gelehrte", stellt Bausch klar. "Aber die Sänger haben sich alle gefreut, für die richtige Musik die richtigen Worte finden zu können."

Welche Oper er als "Einstiegsdroge" für Kinder empfehlen würde? Genau genommen keine, wie er aus eigener Erfahrung weiß. Seine beiden Töchter hätten zwar "Hänsel und Gretel" durchgehalten, besser aber wäre es, Opern eigens für Kinder zu schreiben. Und genau das will er mit seinem Team im nächsten Jahr in Angriff nehmen. "Momentan suchen wir nach dem richtigen Stoff." Weiß er doch, dass die "da oben" für Kinderohren meist unverständliche Dinge singen.

Apropos unverständlich. Welche Opern sind eigentlich am schwierigsten zu spielen? Das könne man so grundsätzlich nicht sagen, erwidert der Experte. Da sei beispielsweise der Troubadour, "krumm und schwierig geschrieben", und dann der Rigoletto. Gut durchdacht, auch nach heutigen Gesichtspunkten. Generell aber könne man jede Oper verbocken, lacht Bausch. "Die Zauberflöte beispielsweise war damals Standard. Das Publikum verstand die zahlreichen Anspielungen, das funktioniert heute nicht mehr ohne Weiteres.

 

Also kommt es darauf an, sie so in das Heute zu tragen, dass das Publikum die gleichen Gefühle empfindet." Nun die obligatorische Frage, die das nahende Ende eines solchen Gesprächs ankündigt. Was dürfen die Zuschauer Neues erwarten? "Orpheus in der Unterwelt vom Regisseur Christian von Götz", avisiert Bausch. Der Götz sei ein richtiger Operettenentstauber, erzählt die Geschichte in neuem Gewand, mit geänderten Dialogen. "Und mit Genoveva werden die Schumanntage in Zwickau eröffnet." Ob er in Plauen, respektive Zwickau angekommen sei? Überraschende, schon philosophisch anmutende Antwort: "Mam muss beide lieben und für beide denken. Das ist ein bisschen wie Bigamie." Bausch selbst hat zumindest mittelfristig seine Zelte in Zwickau aufgeschlagen. Hier lernen die Kinder, hier hat die Familie ihren Lebensmittelpunkt. "Man kann ja nie lange bleiben, deshalb kauft man auch kein Grundstück." So richtig traurig klingt das nicht.

Von Torsten Piontkowski