Backen für ein besseres Leben

DieNigeria-Kekse und das Schokoladenbrot von Bäcker Michael Trützschler schmecken jungen Afrikanern besonders gut. Rezepte und Back-Kniffe hat der Auerbacher den angehenden Bäckern in Benin City in Backseminaren beigebracht.

Von Cornelia Henze

Auerbach Backen ist Freude. Ist Leidenschaft. Aber noch viel mehr. Für junge Menschen bis Mitte 20 könnte das Bäckerhandwerk der Start in ein neues Leben sein. Ein Leben ohne Armut und Perspektivlosigkeit. "Mit den Backseminaren möchte ich diesen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben", sagt der 34-Jährige, der im Alltag Brot und Kuchen in der elterlichen Bäckerei Trützschler in Auerbach bäckt, aber sich in seiner Freizeit für den Verein "Entwicklungshilfe Afrika" stark macht.
Eine ganz wichtige Schlüsselfigur ist dabei der Nigerianer David Ikhu-Omoregbee, der Pastor ist in der Reichenbacher freien christlichen Gemeinde "Offenes Haus". Derselben Gemeinde, die der Bäcker hin und wieder gern besucht. Über die Freundschaft zu David sei er zu dem Entwicklungshilfeverein, der seinen Sitz in Schönheide hat und dem derzeit neun Mitglieder angehören, gekommen. Angesprochen von seinem Freund David, Menschen seines Landes zu helfen, hat Michael Trützschler nicht lang gezögert. Im November 2018 und darauf in diesem Mai hat Trützschler den Koffer gepackt. Zwei Mal leitete für rund 150 junge Nigerianer Backseminare. Eine Bäckereischule in Benin City stellte Küche und Backtechnik, der Auerbacher Bäcker das Know-how. "Die Menschen in Nigeria haben eine sehr gute Backkultur, und es ist nicht so, dass sie nur Brotfladen backen", lobt Trützschler. Dennoch fehle es am Wissen, ein Geschäft zu eröffnen, an neuen Rezepten, Backideen und natürlich an Technik. Weil letzteres zumindest für potenzielle Bäcker-Neugründer schwer zu finanzieren ist, hat Trützschler vorgeführt, wie man hochwertig bäckt auch ohne Maschinen. Da wird dann eben Brot per Hand geknetet und ausgerollt und die Kleberprobe ohne Maschinegemacht. "Den meisten Heißhunger haben die Nigerianer auf Business", hat der Vogtländer erfahren. Und apropos Hunger, oder besser Appetit: Geschmacklich präferieren sie sehr süße und scharfe Speisen. Ergo wurde Trützschlers Schoko-, Kokosnuss- und Chilibrote zum Renner. In den Farben der nigerianischen Flagge zauberte er mit seinen Backschülern Nigeria-Kekse und Cupcakes, das Fladenbrot wurde kurzerhand zum Pizzateig.
Wie man den Menschen seines Heimatlandes am besten helfen kann, weiß David Ikhu-Omoregbee am besten, hat er doch selbst unter einfachen Bedingungen dort Kindheit und Jugend verbracht. Als Kind zu arbeiten, um die Familie finanziell zu unterstützen, das sei in Nigeria üblich. Auch er habe sich so die Schule finanziert, erzählt der 42-Jährige, der 2008 nach Deutschland kam, in Dresden Hydrowissenschaft studierte und heute mit seiner Familie in Oelsnitz lebt.
Als Ikhu-Omoregbee den Verein Entwicklungshilfe Afrika gründete, setzte er von Anfang an auf direkte Hilfe vor Ort. "70 Prozent des Spendengeldes kommt nicht zu der armen Bevölkerung, es fließt den Reichen zu. Deshalb kämpfen wir gegen Korruption und investieren lieber in die Leute, wollen Entwicklungshilfe leisten und Fluchtursachen bekämpfen", so David Ikhu-Omoregbees Credo.
Da sind zum Beispiel jene Menschen, die verzweifelt und mittellos von ihrer gescheiterten Flucht von den FlücIhtlingslagern in Lybien zurückgeschickt werden und deren Traum von Europa zerplatzte. Ihr letztes Geld und das der Familie, ja manchmal das aus dem ganzen Dorf, haben sich die Schlepper eingesteckt. In ihrer westafrikanischen Heimat müssen sie wieder Fuß fassen - und hier kommt der Hilfsverein ins Spiel. In Benin City will der Verein ein Stück Land kaufen und darauf Werkstätten für die Ausbildung zum Mechaniker, Schneider, Elektriker, Tischler und Bäcker nebst autarker Trinkwasser- und Stromversorgung errichten. 25.000 Euro kostet das Bauland, wofür gerne gespendet werden darf. Michael Trützschler möchte seinen Teil dazugeben, die Vision wahr werden zu lassen. Im Herbst möchte er wieder nach Nigeria reisen und helfen.