Ausgerückt, aber nicht eingesetzt

Dreißig Jahre nach der Wende ist es wichtig, die Menschen an diese Zeit zu erinnern. Gerd Naumann hat es sich zur Aufgabe gemacht, interessierten Plauenern und ihren Gästen die Hintergründe der Ereignisse vom 7. Oktober 1989 nahe zu bringen.

Von Gabi Kertscher

Plauen Als Stadtführer ist er auf den "Wegen des Aufbruchs" zwischen Alter Feuerwache und Wendedenkmal unterwegs. "Auf jeder Tour lerne ich etwas hinzu", erklärt der Augenzeuge der Ereignisse von damals. Jeder habe den 7. Oktober anders erlebt. Nach den Jahren werden Berichte durch Erzählungen und Gelesenes ergänzt.
Start der äußerst lehrreichen Stadtführung ist in der Garage mit dem Originalfahrzeug der Berufsfeuerwehr, das als zweites Tanklöschfahrzeug mit Wasserwerfer das Depot verließ. Von ehemaligen Kameraden habe er erfahren, dass dieses Fahrzeug zwar ausgerückt sei, aber nicht zum Einsatz kam. "So richtig weiß niemand, wohin es nach der Ausfahrt verschwunden ist."
Gerd Naumann erläutert im Gespräch, wie es zu dem Protest in Plauen kam und welche Vorgeschichte dazu gehört. Bereits am 17. Juni 1953 streikten die Plauener Arbeiter im Rahmen des Volksaufstandes. Dann soll bis August 1968 Ruhe gewesen sein. Mit dem Prager Frühling und dem Einmarsch in die CSSR änderte sich auch in der DDR einiges. Die Angebote in den Geschäften wurden besser, Künstler konnten sich entfalten, es ging aufwärts. Die Lockerungen hielten nicht lange an. Dann wurde Staatsoberhaupt Walter Ulbricht "abgesägt" - Erich Honecker kam. Dieser ließ keine Kritik zu, das Individuum stand nicht mehr im Vordergrund. "Es lebe das Kollektiv".
1971 wurden die restlichen kleinen privaten und teilprivaten Betriebe abgeschafft. Die Motivation der Arbeiter ließ nach, bis zu dem Zeitpunkt, als in der Sowjetunion Gorbatschow an die Macht kam. "Gorbi mischte sich nicht mehr ein und die DDR-Regierung war überfordert."
Es folgte der Sommer 1989 mit der großen Flüchtlingswelle vor allem junger Leute. Die Situation in Plauen spitzte sich zu. Tage vor dem 7. Oktober wurden über Mund-zu-Mund-Propaganda die Menschen aufgefordert in die Stadt zu kommen. Flugblätter mit Forderungen machten die Runde. Am 7. Oktober kam es in der Innenstadt zur ersten Demonstration. Die Geschichte ist bekannt.
Gerd Naumann berichtete weiter, dass im Hof der damaligen Feuerwache eine heftige Diskussion zwischen dem Leiter der Feuerwehr und dem Polizeichef beobachtet wurde. Am Ende entzog letzterer der Feuerwehr das Kommando. In den Wasserwerfern sollen hinter den Kameraden Männer in Zivil gesessen haben, die offensichtlich bewaffnet waren.
Auf seiner Stadtführung zu den "Wegen des Aufbruchs" führte Naumann die Interessierten an die historischen Orten Tunnel, Wendedenkmal, Rathaus und Lutherkirche. In den Gesprächen wurde an jene Zeit erinnert, auch wie es in anderen Orten Sachsens damals aussah.