Aus dem Berufsalltag einer Gerichtsvollzieherin

"Bekommen die volle Breitseite ab"

 

Plauen - "Ich vollstrecke, was Recht gesprochen ist, aber ich entscheide das nicht. Außerdem handle ich im Auftrag des Gläubigers nicht in dem des Gerichts", sagt Obergerichtsvollzieherin Gabi Löscher. Die 47-jährige hat in der ehemaligen DDR in der Textilindustrie gearbeitet. Nach der Wende bestand die Möglichkeit, eine zweijährige Ausbildung zur Gerichtsvollzieherin zu absolvieren.

Zwei Jahre sei sie in Pottenstein bei Pegnitz gewesen, als eine der wenigen Frauen in der damaligen Zeit, bevor sie 1995 ihre Arbeit in Plauen aufnahm. Heute sei das ganz anders. Um als Gerichtsvollzieher arbeiten zu können, muss eine Ausbildung im mittleren Justizdienst gemacht werden. Mit einem Mindestalter von 27 Jahren könne man sich dann bewerben.

  Frauen im Metier etabliert   Im Moment seien jedoch alle Stellen besetzt, erklärt Wolfgang Zeh, Geschäftsleiter des Amtsgerichts Plauen. Außerdem sei es in der heutigen Zeit nicht mehr selten, dass eine Frau sich diesen oft schwierigen Aufgaben stellt. Von den acht zu Plauen gehörenden Gerichtsvollziehern, sind sechs weiblich. Das sei allerdings schon eine sehr hohe Quote, die nicht überall so zu finden ist.

Die Situationen die sich bei der Arbeit ergeben, scheinen gerade im Moment besonders häufig zu eskalieren. "Während im Gericht über bessere Sicherheitsvorkehrungen nachgedacht wird, stehen wir draußen und bekommen die volle Breitseite ab." Dabei wolle sie nur ihren Job machen, hat gegen niemanden persönlich etwas. Wenn das Gericht ein Urteil fällt und ein öffentlicher Titel erwirkt wurde, dann beginne ihre Arbeit. Für das Stadtgebiet und das Umland gibt es fest zugeteilte Bereiche. Diese seien für jeden im Internet nachzulesen, im Geschäftsverteilungsplan. So kann vermieden werden, dass ein Schuldner mit mehreren Gerichtsvollziehern in Kontakt treten muss.

Müssen Forderungen eingetrieben werden, so ist ihr erster Besuch unangekündigt. Ist niemand anzutreffen, hinterlässt sie eine Information mit einem Termin. Maximal drei Mal versucht sie es auf diesem Weg, ist der oder die Betroffene nicht kooperationswillig, so hat der Gläubiger die Möglichkeit, eine richterliche Durchsetzungsanordnung zu erwirken. Das sei zwar eher selten der Fall, doch dann ist auch egal, ob jemand zu Hause ist. Mit Schlosser und Zeuge kommt die Beamtin und setzt das gesprochene Recht durch.

  Pfandsiegel statt "Kuckuck"   In der Tasche hat sie dann die Aufkleber mit der Aufschrift "Pfandsiegel", die anstelle der "Kuckucksstempel" heute eingesetzt werden. Wolfgang Zeh gibt zu Bedenken, dass, je öfter ein Vollzieher vor Ort kommen muss und je größer der Aufwand ist, umso höher die Kosten ausfallen. Wer also gleich "einsichtig" ist, der spare sich eine Menge Zusatzkosten. Für Schuldner sei es oft schwer zu verstehen, wie eine Verrechnung erfolge.

 

Gibt es beispielsweise einen offenen Rechnungsbetrag gegenüber einem Versandhaus, so koste bereist der titulierte Mahn- und Vollstreckungsbescheid Gebühren. Außerdem werde die Hauptfälligkeit ab dem Zeitpunkt der Fälligkeit mit Zinsen belegt. So könne der eigentliche Betrag sich schnell um ein Dreifaches erhöhen. Bei einem "Abstottern" durch Ratenzahlung werden zuerst die Gerichtskosten, dann die Zinsen und erst zum Schluss die eigentliche Forderung beglichen.

Gerade das sei der Grund, warum viele verärgert sind. Die Möglichkeit der Zahlung in Raten komme vielen entgegen, allerdings verlängere sich dadurch auch das ganze Vollstreckungsverfahren. "Es sollte sich im Allgemeinen in einem Zeitraum von etwa einem halben Jahr bewegen. Das ist so vorgegeben. In besonderen Situationen kann es sich aber auch mal um ein bis zwei Monate verzögern", so Gabi Löscher.

"Was mich erwartet, wenn ich an einer Haustür klingle, weiß ich oft nicht. Hin und wieder gibt es verbale und körperliche Übergriffe. Die Beleidigungen höre ich schon gar nicht mehr. Unangenehmer ist, wenn es zu Tätlichkeiten kommt oder jemand den Hund auf mich hetzt. Doch mit 80 Prozent der Klientel ist glücklicherweise ein gutes Auskommen. Etwa die Hälfte sind sozusagen Stammkunden, da schaue ich regelmäßig vorbei."

  Hälfte sind Stammkunden    Etwa 2500 Aufträge habe sie im Jahr, davon seien etwa ein Viertel erfolgreiche Zwangsvollstreckungen, inklusive der Zustellungsaufträge. Im Jahr 2009 hat Gabi Löscher Forderungen in Gesamthöhe von 280 000 Euro eingetrieben.

Doch nicht nur die finanzielle Seite gehört zu ihren Aufgaben. Auch Wohnungsräumungen, Abnahme der eidestattlichen Versicherung, Verhaftungen und Durchsetzungen im familienrechtlichen Bereich sind ihre Aufgabe. Solche Fälle machen etwa ein Viertel ihrer Arbeit aus. Während Verhaftungen häufiger sind und Wohnungsräumungen etwa drei im Monat anfallen, sei der Verweis aus der Wohnung wegen häuslicher Gewalt oder die Wegnahme eines Kindes eher sehr selten.

 

So sei der Beruf der Gerichtsvollzieherin auch ein wenig der einer Psychologin, einer Sozialarbeiterin und Seelentrösterin, lächelt sie. Und sei mancher Tag wirklich hart, so steht sie doch hinter dem was sie tut, hat den nötigen Biss und bekommt Bestätigung in ihrem Tun, wenn sie beispielweise einem Handwerker mit Eintreiben einer Forderung über eine schwere Zeit hinweg helfen kann und vielleicht dadurch eine Existenz retten konnte.