Augenzeuge im Inferno

"Ich verdanke es einer von Gott gewollten, schicksalhaften Fügung, dass ich den Luftangriff am 13. Februar 1945 auf Dresden überleben durfte", erinnert sich Ute Aé aus Pausa.

Von Jochen Pohlink

Die damals 16-Jährige besuchte zu dieser Zeit das Städtische Mädchengymnasium in der Dresdener Neustadt. Sie berichtet:
"Eigentlich war bereits seit dem Ende des Jahres 1944 kein regulärer Schulbetrieb mehr möglich. Als dann Anfang Januar keine Kohlen mehr verfügbar waren, gingen wir nur noch ab und an in das Gebäude, um uns mit Aufgaben zu versorgen. Gleichzeitig erfolgte für die oberen Klassen eine Dienstverpflichtung als Rote Kreuz-Helferinnen mit dem Einsatz auf dem Neustädter Bahnhof. Dort endeten die Züge mit den Flüchtlingen aus Schlesien.
Es war ein grauenvoller Anblick, die meist väterlosen Familien auf dem Bahnsteig in Empfang zu nehmen: Zum Teil mit mehreren kleinen Kindern und mit den allernotwendigsten Dingen, welche die Mütter gerade so tragen konnten, stiegen die Ankömmlinge meist nach tagelangen Fahrten aus den überfüllten Zügen.
Neben der Versorgung mit warmem Tee und etwas zu essen nahmen wir Mädchen sie im Empfang. Es galt, sie möglichst rasch in die wenigen noch verfügbaren Quartiere zu vermitteln, wo sie zunächst untergebracht wurden, um sie später weiterzuleiten.
Der Zwölfstundendienst begann sowohl morgens und abends um acht Uhr. Am 13. Februar - das war ausgerechnet der Faschingsdienstag - hatte ich Frühdienst und machte mich um acht Uhr abends mit der Straßenbahn auf den Heimweg nach Dresden-Plauen.
Es war das letzte Mal, dass ich die Altstadt in ihrer historischen Schönheit vor der Zerstörung sah. Mein Vater hatte die Pfarrstelle der Auferstehungskirche in diesem Stadtteil inne und wir wohnten in der Nähe der Kirche. Ich war schon einige Zeit zu Hause als gegen 21.45 Uhr mitten in eine Radiomitteilung über einen Luftangriff bereits die ersten Bomben detonierten." Der sonst übliche Fliegeralarm blieb aus und alle begaben sich in die im Keller vorhandenen Luftschutzräume, nicht ahnend, was sich in der nächsten halben Stunde abspielen würde. Danach gab es keinen Neustädter Bahnhof mehr. In Dresden-Plauen blieb es verhältnismäßig ruhig und die Seniorin erinnert sich, dass es zunächst in der näheren Umgebung nur einen größeren Einschlag auf dem nahe gelegenen Chemnitzer Platz (heute Kreuzung Chemnitzer/Nöthnitzer Straße) gegeben hat, der die Gebäude erschütterte.
Für die Familie bestand in den nächsten Tagen die Aufgabe, im Rahmen des erweiterten Luftschutz-Selbstschutzes ständig Begehungen der Gebäude vorzunehmen, um möglichst auftretende Brandherde zu beseitigen oder zu melden.
In den nächsten Tagen wurden in den fünf Auffangstellen des Stadtteils mehr als 16.000 Flüchtlinge registriert, die in das Umland weitergeleitet wurden. Die Tage der brennenden Stadt und die sich bis in den April hinziehenden Bombardierungen haben sich in ihrer Grausamkeit tief in die Gedanken des jungen Mädchens eingegraben und rufen auch heute noch ein Schaudern bei der nun hochbetagten Frau hervor.