Auftrag am Südpol

So hat Werner Kirsten noch nie Weihnachten gefeiert: Der Vogtländer ist auf Dienstfahrt im Niemandsland der Antarktis - in russischem Auftrag.

Pöhl/Jocketa - Es ist die Dienstfahrt seines Lebens: Werner Kirsten (62) aus Jocketa ist in Sachen "Frachtschlitten" unterwegs, mit denen die Russen eine neue Forschungsstation am Kältepol der Erde errichten wollen, einen "Katzensprung" vom Südpol entfernt.
Die Firma Lehmann-UMT GmbH würde diese Schlitten gern liefern - und deshalb ist Mitarbeiter Kirsten am 16. Dezember nach Kapstadt in Südafrika geflogen. Doch dort wartete er tagelang (wie Dutzende andere aus aller Herren Länder) auf den Anschlussflug in die Antarktis, zur 4200 Kilometer entfernten russischen Station "Nowolasarewskaja", die alle "Novo" nennen und die als "Drehkreuz" gilt: "Von hier fliegt man zu den Stationen, die viele Länder in der Antarktis unterhalten. Forscher aus Deutschland zum Beispiel wollen weiter zur deutschen Neumayer-Station III. Ich dagegen will zur 1200 Kilometer entfernten russischen Station ,Progress‘", berichtet Kirsten am Telefon.
Doch der Flug nach "Novo" wird immer wieder verschoben - wegen schlechten Wetters. So hat Kirsten Zeit, in einem Telefonat mit dem Vogtland-Anzeiger alles zu erklären:
Die knapp 100 Leute der Firma Lehmann aus Jocketa sind Spezialisten für Filter- und Fördertechnik. Außerdem bauen sie Frachtschlitten in der Sparte "Sondermaschinen": Der erste Schlitten, ein Stahlrahmen mit breiten Kufen aus verschweißten Blechkörpern, ging vor fast 20 Jahren an das deutsche Alfred-Wegener-Institut.
Heute laufen nach Firmenangaben 180 bis 200 Systeme am Südpol - für viele Länder: Japan, Chile und Holland, Kanada, USA und Norwegen. Auch Russland nutzt demnach vogtländische Schlitten.
Apropos: Im April stellte die Russische Geografische Gesellschaft Pläne vor, über die sich dem Vernehmen nach, Präsident Putin persönlich unterrichten ließ: Russland will seine marode Südpolarstation "Wostock" für 100 Millionen Euro bis 2022 erneuern: Geplant sind Module mit 2500 Quadratmetern Fläche, die Platz bieten für 35 Wissenschaftler. "Wostock", 1300 Kilometer vom Südpol entfernt, ist der kälteste Ort der Erde: Hier wurden minus 90 Grad gemessen.
Um "Wostock" zu erneuern, sind Frachtschlitten nötig, die Ausrüstung über hunderte Kilometer von der Eiskante durch das Transarktische Gebirge schleppen - Schlitten, doppelt so groß wie die bisherigen: Einen dieser "Riesen" (13 Meter lang und 60 Tonnen schwer) haben die "Lehmänner" in Kooperation mit dem Stahlbau Weischlitz und dem Plauener Ingenieurbüro Rudat im vergangenen Jahr gebaut, dann demontiert und per russischem Forschungsschiff in die Antarktis geschickt.
Droht Ärger wegen der Sanktionen, wenn eine Firma Geschäfte mit Russland macht? "Nein", sagt Kirsten. "Wir haben uns erkundigt: Forschung ist nicht betroffen."
Eigentlich wollten die Russen den Schlitten selbst bauen. Doch es gebe drei Gründe, warum man die Vogtländer beauftrage: Kirsten sei auf einer internationalen Logistik-Konferenz mit dem Lehmann-Schlitten überzeugend aufgetreten, das "Wostock" planende Ingenieurbüro aus Hamburg habe die Vogtländer empfohlen und schließlich: Die russische Bürokratie könne keine bessere Lösung bieten.
Bisher haben die "Lehmänner" ihre Schlitten noch nie selbst in der arktischen Praxis gesehen. Werner Kirsten wird der Erste sein. Der studierte Physiker, der seit 1990 im Jocketaer Unternehmen arbeitet ("Ich habe eine Inventarnummer") soll den Aufbau des Schlittens in der Station "Progress" überwachen, an Testfahrten teilnehmen, Messungen vornehmen. Es geht darum Erfahrungen zu sammeln - unter Extrembedingungen. "Eine Stunde Montage in der Halle kann dort einen Tag bedeuten."
Allerdings weiß Kirsten nicht, was ihn vor Ort erwarte: Sind die Bauteile komplett? Kamen die neuen Kufen an? "Die Baupläne habe ich jedenfalls mit", sagt er, der sich nach eigenen Worten in Russisch und Englisch verständigen kann - und mit Händen und Füßen.
"Ich habe mehrmals angefragt, wie die Unterbringung erfolgt. Immer hieß es: Sie kriegen alles - nur keine Jacke. Deshalb habe ich beim Alfred-Wegner-Institut gefragt, den Spezialisten für Klima- und Umweltforschung: Die haben mich beraten und Tipps gegeben."
So habe er gelernt, dass jeder Hinterlassenschaften in der Antarktis vermeiden solle: Keine Zigarettenkippen wegwerfen, kein Pinkeln im Schnee und auch das große Geschäft nur im Toiletten-Container. "Durch Fremdstoffe, auch organische, könnten sich andernfalls unbekannte Pilze, Bakterien und Viren gefährlich ausbreiten."
Vom Wegener-Institut hat Kirsten Jacke, Mütze und einen Schlafsack (bis minus 50 Grad) bekommen. Einen Schlafsack? "Der könnte wichtig sein, sehr wichtig: Von ,Novo‘ nach ,Progress‘ fliegt eine zweimotorige Maschine. Bei starkem Gegenwind kann es vorkommen, dass sie vor Erreichen des Zieles landen muss, weil der Sprit zur Neige geht. Die Russen haben deshalb Sprit-Fässer im Schnee vergraben - auf den 1200 Kilometern zwischen "Novo" und "Progress". Und für die Zeit des Tankens ist warme Ausrüstung Gold wert."
Beim Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger sitzt Kirsten in Kapstadt fest. Er nutzt die Zeit nach eigenem Bekunden, um letzte Einkäufe zu tätigen. "Die Sonnencreme reicht nicht bei der intensiven UV-Strahlung und einen Rucksack habe ich auch gekauft."
Wie Kirsten den Heiligen Abend verbringt ist unklar. Aber die Ungewissheit steckt er mit stoischer Ruhe weg. Und seine Frau? "Mit ihr habe ich Weihnachten am vergangenen Wochenende vorgefeiert und ein Geschenk habe ich auch bekommen: selbstgestrickte Wollsocken."
Bleibt eine Frage: Wann kommt Kirsten zurück? "Geplant ist der 15. Januar. Aber man weiß nie. Meine russischen Partner haben gesagt: Halte dich flexibel." ufa