Aufruhr im kleinen Ort Schilbach

Schilbach  - Ungewohnte Aufmerksamkeit erfuhr am Samstagmorgen das kleine Örtchen Schilbach. Vor dem Gasthof trafen sich die Geschwister der 1945 in Schilbach von der SS ermordeten Else Ludwig aus Gießen mit Siegfried Bähr. Er war einer jener Jungen der Schäferei, die 1946 auf eine unbekannte weibliche Leiche stießen.

 

Groß waren die Erwartungen bei Elses Geschwistern, endlich mit einem Augenzeugen zusammenzutreffen, der Aufschluss geben könnte, wo jene Stelle im Wald von Schilbach zu finden ist, an der Else Ludwig 1945 ermordet wurde. Bereits zum dritten Mal reisten die Geschwister ins Vogtland, um den Spuren ihrer Schwester zu folgen. Mit dabei war auch der Heimatforscher und Mitarbeiter der Gießener Allgemeinen Zeitung, Horst Jeckel. Ebenso trafen zwei Mitarbeiter des Vereins zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener, VKSVG ein, die die Familie für Nachforschungen kontaktiert hatte. Auch die Schilbacher Ortsvorsteherin Randy Lohde, sowie die Schilbacher Christian Leupold und dessen Vater trafen vor dem Schilbacher Gasthof ein.

Der damals etwa 11-jährige Siegfried Bähr ließ die Fahrzeugkolonne genau an jener Stelle stoppen, an der Forstarbeiter 1959 den Torso einer weiteren Leiche entdeckten. Auch wenn der Wald nach 65 Jahren sein Aussehen verändert hat, war sich Siegfried Bähr seiner Sache sicher. Gemeinsam mit dem bereits gestorbenen Bruder Herbert folgten die beiden Jungen damals dem Auftrag des Vaters, die Frauenleiche in einer Holzkiste mit dem Schlitten zum Schönecker Friedhof zu transportieren. Die Kleidung sei zerfetzt gewesen. Weder an Schuhe noch einen Militärmantel, die in belgischen Gerichtsakten Erwähnung finden, konnte sich Siegfried Bähr erinnern. Furchtbarer Verwesungsgeruch blieben zeitlebens in seiner Erinnerung haften.

Mittels Metalldetektor suchten Frank Wegner und seine Kollege vom VKSVG am Samstag das Gelände ab. Handgranaten und andere Munition, wie bei einem vorhergehenden Besuch in Schilbach, wurden diesmal nicht gefunden. Für den Fall der Fälle war die hiesige Polizei vorsorglich über die Suchaktion informiert. Mit Spaten und Harken suchten die Geschwister und deren Begleiter vor Ort den Waldboden ab. Die dabei aufgespürten Bleigeschosse und Patronenhülsen wollen die Geschwister näher untersuchen lassen.

"Wir sind trotzdem nicht enttäuscht", resümierte Margot Stroh am Ende eines anstrengenden Tages. Die Hilfsbereitschaft der Vogtländer vor Ort sei wohltuend. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen des einsetzenden Regens, sei man mit den Gießener Verwandten durch den Ort gegangen. Auch dem Weg zwischen Rittergut Schilbach und der nicht mehr existierenden Feldscheune, in der Else Ludwig vor 65 Jahren wohl die letzten Stunden ihres jungen Lebens verbrachte, sei man gefolgt.

"Wir fühlen uns dann Else sehr nah und werden sicher wiederkommen, wenn der Winter vorbei sein wird", versichert Margot Stroh. Die 67-jährige Schwester von Else hat seit Frühjahr 2010, seit sie mit den Nachforschungen begonnen hat, einen mächtigen Aktenordner mit Informationen zusammengetragen. So gelang es vor allem dem Rabenauer Heimatforscher Horst Jeckel, innerhalb kürzester Zeit, vor allem durch belgische Gerichtsakten, Elses Weg bis ins Vogtland nahezu lückenlos aufzuklären. Dann verlieren sich die Spuren. Unauffindbar bleibt bis jetzt auch ein Schreiben des damaligen Schilbacher Bürgermeisters an die belgische Justiz, in dem er den Fund einer weiblichen Leiche im Schilbacher Wald bestätigt.

Am Schilbacher Stammtisch kam auch eine längst vergessene weitere Kriegsgeschichte ans Licht. Die SS Männer des Jagdverbandes 502 waren es wahrscheinlich auch, die kurz vor Kriegsende einen weiteren Mord in Schilbach begangen hatten. So erschossen sie den aus Ostpreußen stammenden Schweizer (Melker) Horst Rennwanz des Rittergutes Schilbach vor den Augen seiner Familie auf dem Misthaufen. Erzählt wird, Rennwanz habe mit einer Handgranate herumgefuchtelt, die er zum Fischen im Schilbacher Teich benutzte. Er habe die SS-Leute provoziert und ihnen zugerufen, sie seien nicht Manns genug, einen Krieg zu gewinnen. Daraufhin wurde er erschossen. Trotz vieler Details bleibt die Ungewissheit, ob Else Ludwig auf dem Friedhof in Schöneck ihre letzte Ruhe gefunden hat oder für immer im Wald nahe der alten Schäferei.

Bei ihrer Spurensuche auf Menschen getroffen zu sein, die Anteil nehmen an einem menschlich berührenden Schicksal ist für Else Ludwigs Geschwister eine tröstliche Erfahrung, die versöhnlich stimmt. So leistet diese Familiengeschichte noch weit mehr als aktive Geschichtsaufarbeitung, lässt sie doch Menschen zueinander finden. M. Dähn