Auf Suche nach dem Vater

Es ist (nur) ein Gutachten, das Gerhart Weise verfasst und das am Ende dazu beiträgt, dass sich sein Freund Erich Ohser das Leben nimmt. Eva Züchner hat dieses Gutachten erst entdeckt, als ihr Buch über ihren Vater fast fertig war und sogar erwogen, es wegzulassen. Doch: damit wäre eine halbe Wahrheit zu einer ganzen Lüge geworden.

 

Plauen - Plauen sei die wichtigste Station ihrer Lesereise, das bekennt Eva Züchner freimütig. Die fast Siebzigjährige stellte am Mittwoch gekonnt und beeindruckend ihr Buch "Der verschwundene Journalist" vor. Dazu waren in die Malzhausgalerie vor allem Mitglieder der e.o.plauen-Gesellschaft und des Kunstvereins gekommen. Die Lesung fand in der Reihe "Blickwechsel" statt, und nach der Begrüßung durch Kunstvereinsvorsitzenden Peter Hochel gab e.o.plauen-Stiftungsvorstand Dr. Elke Schulze ein fundiertes und das Wesentliche prägnant erfassendes Urteil über Eva Züchners Buch ab, in dem Plauen zur moralischen Bewährungsprobe wird.

Vier fatale Sätze

Plauen, das heißt in diesem Falle e.o.plauen und erhellt den Selbstmord des Zeichners, Karikaturisten und "Vater und Sohn"-Erfinders Erich Ohser. Stieß doch die pensionierte Germanistin Eva Züchner bei den Recherchen zu ihrem Vater, dem Journalisten Gerhart Weise, auf ein Dokument. In der von ihrem Vater unterzeichneten und formulierten Aktennotiz mit Datum 7. März 1944 geht es um die "Glaubwürdigkeit der Aussage von Hauptmann Schultz".

 

Angefordert wurde das Schriftstück von Leopold Gutterer, Staatssekretär im Propagandaministerium, und es ist adressiert an den SS-Gruppenführer und Chef der Gestapo Heinrich Müller. Mit anderen Worten: Es geht um Leben und Tod. Verfasser von vier fatalen Sätzen ist der inzwischen hochdotiert bei der Reichsfilmdramaturgie beschäftigte Journalist Gerhart Weise, ein Freund Erich Ohsers aus gemeinsamer Zeit bei der Wochenzeitung Das Reich.

"Offen und etwas redselig"

Wir wissen, dass Erich Ohser und sein Freund Erich Knauf, ausgebombt in Berlin, gemeinsam Quartier genommen haben in Kaulsdorf, Am Feldberg 3, in einem Haus, in dem auch Hauptmann Schultz wohnt. Wir wissen, dass Ohser und Knauf sich um Kopf und Kragen reden. Zumindest laut § 5 Ziffer 1 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Danach ahndet das in den letzten Zügen liegende Naziregime die sogenannte "Zersetzung der Wehrkraft" mit der Todesstrafe! Wir wissen, dass sich Ohser in der Nacht vom 5. zum 6. April 1944 und damit unmittelbar vor Prozessbeginn vor dem Volksgerichtshof in seiner Zelle aufhängt und dass Knauf am 2. Mai 1944 durch das Fallbeil hingerichtet wird. Und wir wissen, dass es die Denunziation von Hauptmann Schultz war, die zum staatlichen Mord an diesen beiden Männern führte.

Weise bescheinigt dem Denunzianten, dass dieser nach wie vor zu seinen Angaben über Ohser und Knauf stehe. Dass Schultz ein "offener und etwas redseliger Mensch" sei, der "einen sehr gesunden Eindruck machte" und der angegeben habe, es sich wochenlang überlegt zu haben, ob er "über die Zustände in seinem Hause in Kaulsdorf Meldung machen sollte". Eva Züchner kommentiert die Aktennotiz ihres Vaters als das, was sie ist und nennt sie ungeschönt "aktive Beihilfe".

Verschwunden 1945

Das Buch über den "verschwundenen Journalisten" Gerhart Weise, geschrieben von seiner Tochter, behandelt natürlich mehr als nur die Ereignisse um Ohser und Knauf. Eva Züchner sucht nach einem Vater, der 1913 in Dresden geboren und am 21. September 1945 in Kleinmachnow vom sowjetischen Geheimdienst abgeholt wird und auf immer verschwunden ist. Die Autorin versucht nach aufwändigen Recherchen, aber ohne Zeitzeugen befragen zu können, weil diese alle schon verstorben sind, die Frage zu beantworten: "Was für ein Mensch bist du gewesen?" Ein leiser, introvertierter Intellektueller, freundlicher Mann und zärtlicher Vater, wie ihn seine Ehefrau schilderte? Ein Redakteur im Feuilleton, der gerne Schriftsteller geworden wäre und der nie Mitglied der NSDAP war? Ein Mann, dem 1935 bescheinigt wurde, ihm fehle "die nötige charakterliche Härte"? Oder, wie es sich nach den Recherchen herausstellte, ein überzeugter Nazi, einer, der skrupellos den Freund ans Messer lieferte?

Suche in Archivbergen

Eva Züchner schreibt in ihrer Einleitung, sie habe "in den Papierbergen der Archive den wirklichen Menschen nicht gefunden". So sei dieses Buch "ein Abschied von dem Vater, der du für mich warst, und die Suche nach dem Menschen, der du gewesen sein könntest".