Arzt mit ganzem Herzen

Das war knapp: Kardiologe Dr. Normann Haßler aus Plauen hat gerade eine lebensgefährliche Krankheit überstanden. Jetzt feiert er 80. Geburtstag - und hofft, "dass ich bald wieder arbeiten kann".

Plauen -  Gefeiert wird in der Wackerbud, wo die Gratulanten Schlange stehen werden: "Zum 70. kamen 200", sagt Haßler, der bekannt ist wie ein bunter Hund - nach 55 Jahren, in der er nach eigenen Angaben 70.000 Behandlungen ausgeführt hat - als Sportmediziner, als Facharzt für Innere Medizin und als Herzspezialist. "Ich bin Arzt mit Leib und Seele und habe immer gern gearbeitet."
Geboren am 20. Juli 1939 in Plauen wird die Familie 1945 ausgebombt und lebt ein Jahr bei Bekannten in einem Zimmer in Pausa: Mutter, Tante, Normann. Der Vater hatte die als Soldat die Schlacht bei Stalingrad überlebt und stirbt in Litauen, in Gefangenschaft. "Nach dem Krieg hat mich meine Mutter zu den Russen betteln geschickt: Die Offiziere gaben mir Butter und Brot."
Haßler ist ein guter Schüler, der nachmittags begeistert Fußball spielt, zum Beispiel mit den Bamberger-Brüdern, die später maßgeblichen Anteil am Höhenflug des Plauener Fußballs haben; auch da ist Haßler dabei: Als Mannschaftsarzt für Wema Plauen, für den VFC, als Ringarzt beim Boxen und für die Radfahrer und bis heute für Wacker und die Einheit-Handballer: Jahrzehnte ehrenamtlichen Engagements, das ihm nach eigenen Worten bis heute ein enges Verhältnis zu jungen Leuten ermöglicht. 
Bei einem seiner Einsätze geht es um das Leben eines Plauener Fußballers. "Der ist bei einem Freundschaftsspiel mit einem Spieler von Tennis Borussia aus Berlin unglücklich kollidiert, wurde bewusstlos und hat seine Zunge verschluckt; er drohte zu ersticken. Der Physiotherapeut von TB und ich konnten ihn retten." 
Haßler arbeitet nach dem Abi ein Jahr als Pfleger im Krankenhaus und studiert dann in Berlin. "Aus meiner Seminargruppe sind 14 von 24 Studenten kurz vor dem Mauerbau in den Westen getürmt." 
Das sei für ihn nicht Frage gekommen - wegen seiner Mutter. Klar hätte er es als Arzt in Westdeutschland zu viel mehr Wohlstand bringen können. "Aber ich bin zufrieden, wie es gelaufen ist", beteuert er und macht aus der Not eine Tugend, als er den Unterschied benennen soll zwischen der Medizin in Ost und West: "Wir haben uns in der DDR mehr auf unser Sinne und Erfahrungen verlassen. In der Bundesrepublik hatte die Technik einen höheren Stellenwert - bis heute." Nach dem Studienabschluss in Dresden durchläuft Assistenzarzt Haßler ab 1964 die Abteilungen am Plauener Klinikum - und entscheidet sich für die Innere Medizin, ehe er Kreiskardiologe an der Poliklinik wird und schließlich (als Parteiloser) deren Chefarzt. Ach so: Musterungsarzt ist er ebenfalls (ohne gedient zu haben) und Kreissportarzt auch.
Haßler ist nach eigenem Bekunden ein guter DDR-Staatsbürger - bis die SED alle Antennen von den Dächern reißen will, mit denen die Westprogramme von ARD und ZDF empfangen werden. "Mir ging es gut in der DDR, obwohl ich ein kritischer Geist war, aber da habe ich angefangen zu zweifeln. Heute weiß ich, dass 15 Stasi-Spitzel auf mich angesetzt waren." Der Mediziner ist bei der legendären Demo am 7. Oktober 1989 in Plauen dabei, als erstmals in der DDR Tausende für Veränderungen demonstrieren.
"Nach der Wende hat die Kassenärztliche Vereinigung meine Bemühungen verhindert, in Plauen die erste Praxis-Gemeinschaft der Neuen Bundesländer in der Tradition der Polikliniken zu eröffnen. Deshalb habe ich meine eigene Niederlassung gegründet: Ich habe eine Million D-Mark investiert, was mir als 50-Jährigen manch schlaflose Nacht beschert hat."
Doch zum Glück läuft die Praxis - auch dank der tüchtigen Schwestern, zu denen Ehefrau Ursula bis heute gehört, eine frühere OP-Schwester an der Berliner Charité. 

Dr. Haßler, wie haben Sie Ihre Frau kennen gelernt? Haben Sie an der Charité gearbeitet?
Haßler: Nein, die hat mir mein Freund Dr. Karl empfohlen, der langjährige Leiter des Blutspendedienstes in Plauen.

Wie hält die Liebe das aus, wenn Mann und Frau auch die Arbeitszeit gemeinsam verbringen?
Das war nie ein Problem, da meine Frau immer gemeinsame Sache mit den Schwestern gemacht hat: Die standen wie eine Wand gegen mich.

Sie haben bis heute eine eigene Praxis? Mit 80?
Mein Sohn hat die Praxis in der Herrenstraße übernommen - ich bin bei ihm auf 450-Euro-Basis beschäftigt. Die Kassenärztliche Vereinigung zahlt nur drei Prozent für mich, obwohl die Bestellzeiten Monate betragen. Ich praktiziere zweimal wöchentlich in der Neundorfer Straße und habe 500 Patienten im Quartal. Allerdings war ich jetzt ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt.

Was ist passiert?
Ich war mein Lebtag sportlich aktiv und selten krank. Und dann erwischt mich eine seltene Autoimmunerkrankung: Einer von 200 000 erkrankt, also statistisch gesehen einer im Vogtland: Das war ich. Vor 20 oder 30 Jahren wäre das ein Todesurteil gewesen. Jetzt gibt es Medikamente. Zudem musste ich mich einer Tumor-Operation unterziehen: Zum Glück wurde der Brustkorb nicht aufgesägt: Ich hatte einen Professor gefunden, der eine andere Technik benutzt. 

Wie geht es Ihnen jetzt?
Es gab Phasen, da dachte ich, es geht zu Ende - und es wäre in Ordnung gewesen. Seit Anfang Juli geht es mir besser, die Kurve zeigt nach oben und ich hoffe, dass ich bald wieder arbeiten kann: Ich habe keine Hobbys - ich brauche die Arbeit. Und um ehrlich zu sein: Ich war immer ein Patriarch. Da fällt es mir schwer, jetzt plötzlich nur noch die Anweisungen meiner Frau auszuführen.

Dr. Normann Haßler ist immer noch von der Krankheit gezeichnet. Beim Gespräch mit dem Vogtland-Anzeiger macht er jedoch einen wachen, zufriedenen Eindruck. "Ich hatte ein erfülltes Leben mit intakter Familie. Aus beiden Kindern ist was geworden: Der Sohn ist Kardiologe, die Tochter Anästhesistin in Oberfranken. Auch die vier Enkel gehen ihren Weg."  ufa