Arzt auf politischem Parkett

Dr. Bertram Wieczorek war Arzt, wurde Politiker, kurz Unternehmer und schließlich wieder Arzt. Er war vieles, nur Rentner will er nicht sein. "Wenn ick noch mal wählen könnt‘, würd‘ ick gern Unternehmer sein", sagt der 68-jährige Ex-Auerbacher in schöner Berliner "Schnauze".

Von Cornelia Henze

Auerbach/Berlin Zuletzt gehört hat man von dem Mann, der im heißen Herbst `89 in Auerbach auf der Rednertribüne stand und mit anderen mutigen Leuten die Bika (Bürgerinitiative im Kreis Auerbach) gründete, vor zwei Jahren. 2017 schloss der Allgemeinmediziner seine Praxis in Rodewisch und kehrte nach Berlin in seine Geburtsstadt zurück. Dort lässt es Wieczorek seitdem ruhiger angehen. Mit seiner dritten Ehefrau Bettina erstellt er manches Medizingutachten, und an schönen Tagen geht es mit dem Motorboot zum Wasserwandern. Denn die Dahme liegt direkt vor der Tür. Am 12. November reist der Ex-Staatssekretär, wie nicht ganz selten, in seine zweite Heimat nach Auerbach. Als Gast berichten er und andere in einer Podiumsrunde in der Schloss-Arena wie es damals war. Im Herbst `89. Von einem spannenden Leben zwischen Vogtland und Berlin, dem alten Osten und dem neuen Westen, zwischen dem Alltag eines Arztes und der blitzartigen Karriere eines Politikers.
Schon im Sommer 1989 schließt sich der Allgemeinmediziner einem Ärzte-Zirkel um den Treuener Zahnarzt Bertold Rink an. Die Akademiker verfassen einen Brief an den Kreisarzt, forderten bürgerliche Freiheiten, wie Meinungs- und Reisefreiheit ein. Und ecken an damit. Wieczorek kümmerts nicht. "Ich bin Berliner, hatte immer schon ne große Klappe". Mit dieser Klappe wird der Arzt einer der Köpfe der am 30. Oktober 89 gegründeten Bika: Zusammen mit Eckehard Bonnofsky, Enke Schöffler, Lothar Scheel, Berthold Rink und Thomas Schuwardt steht er als Redner auf den Demo-Bühnen, lässt Flugblätter drucken, verfasst Aufrufe und Beiträge in der bika-Zeitung, ist Vermittler zwischen den alten SED-Funktionären aus dem Rat des Kreises und den neu entstehenden Parteien, der Kirche, den Bürgern.
"Heute staune ich noch, wie mutig wir alle waren. Wenn das schief gegangen wäre, hätten die uns alle an die Wand gestellt", reflektiert Wieczorek und erinnert sich an ein Plakat der Demonstranten mit den weitsichtigen und immer noch gültigen Worten "Vogtland unsre Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft". Dass es zur Wiedervereinigung kommt, habe er immer gewollt, vom reformierbaren Sozialismus niemals geträumt. Und doch hätte es anders kommen können. Wäre die DDR als ganzes der BRD beigetreten miteiner neuen Verfassung für Deutshland und auf Jahre Fördergebiet gewesen, wer weiß, wäre dann die Verbitterung mancher Menschen so groß wie jetzt, fragt sich Wieczorek.
Für ihn selbst beginnt die politische Karriere plötzlich. Er zieht in die letzte Volkskammer der DDR ein - erstmals demokratisch gewählt. Wird Vize-Fraktionschef der CDU, 1990 Parlamentarischer Staatssekretär im DDR-Verteidigungsminister. Wenig später sitzt er im ersten gesamtdeutschen Bundestag, wird 1991 zum zweiten Mal Staatssekretär, diesmal im Bundesumweltministerium. 1994 ist Schluss. Wieczorek wird Vorstandschef der kommunalen Wasserwerke bis 1999.
Dass er aufs politische Parkett geriet, bezeichnet Bertram Wieczorek als reinen Zufall. "Ich hatte nie die Absicht in die Politik zu gehen. Auf den Wahllisten im Bezirk Karl-Marx-Stadt stand ich auf dem letzten Listenplatz. Mich kannte keine Sau. Aber weil die CDU so gut abschnitt, war ich plötzlich drin." Kneifen und ablehnen, das ist ihm aber dann doch gegen den Ehrenkodex gegangen, sagt der Arzt. Die Wende habe ihn geöffnet, hat einen Weltmenschen aus ihm gemacht. Das Selbstbewusstsein habe er sich hart erarbeitet, meint er und lacht gleich wieder über sich selbst: Nein, daran habe es ihm, der ollen Berliner Kiezmaus, nie gemangelt. Vier Jahre Politik hat ihn begreifen und lernen lassen, wie das Geschäft funktioniert. "Ich könnte Geschichten erzählen, das dauert aber", sagt Wieczorek, und tippt nur einige an. Da gab es Verhandlungen mit der Treuhand, und für die Wismut-Sanierung hat er auch die Weichen gestellt, gerettet den VSTR in Rodewisch und die Wema in Ellefeld. An eines erinnert sich der Arzt noch heute genau: Als er den 600 Näherinnen vom VEB Wäsche Auerbach das Aus ihres Betriebes verkünden musste, weil es kein anderer tat. "Das Herz ist mir in die Hose gerutscht." An solchen Beispielen hat Wieczorek gelernt, weshalb manchmal die Gräben zwischen Ost und West so tief sind. Wessis seien furchtbar überzeug von sich. Viele Westmanagern mangelte es, sich in die Strukturen der DDR hineinzudenken. Ossis trügen noch die Verletzungen von vor 30 Jahren in der Seele.
Konservativ sei er, und deshalb Mitglied der CDU. Aber ein Parteisoldat ist Wieczorek nicht. Wenn was nicht mehr passt, zieht er die Konsequenzen. Und sagt es unverblümt. Zwei Mal ist er deshalb aus der CDU ausgetreten, und drei Mal eingetreten. 1973, mit 22 Jahren, gehört Wieczorek in Berlin erstmals zum Kreis der Christdemokraten. Im Wendeherbst verlässt er die Partei, mischt beim Neuen Forum mit, wendet sich ein Jahr später seiner Partei wieder zu, tritt 2007 aus dem vogtländischen Ortsverband aus und zehn Jahre später - diesmal in Treptow-Köpenick - wieder ein.
Wenn er noch mal auf die Welt kommen würde, dann würde er lieber Betriebwirtschaft studieren und Unternehmer werden. Die Zeit in den Berliner Wasserwerken und danach in einer kleinen Wassertechnik-Firma sei die bisher aufregendste und schönste gewesen. Wieczorek schwärmt von regelmäßigen Treffen mit seinen Wasserwerks-Mitarbeitern, die ihm wohltuend bestätigen: Ein Unternehmer muss kein Kapitalist und erst recht kein Drecksschwein sein.
Wenn Bertram Wieczorek Anfang nächster Woche das Vogtland ansteuert, dann gibt es da zweierlei Gefühle. Die schönen haben mit seiner Familie, den fünf erwachsenen Kindern zu tun, die allesamt im Vogtland zu Hause sind. Die unguteren mit der Lage in seiner zweiten Heimat an sich. "Ich sehe Stillstand, keine Impulse. Die guten Jahre bis Mitte der 90er, voller Optimismus, Aufschwung und Firmengründungen sind vorbei."