Arzt auf dem Bildschirm im Vogtland

Patienten aus dem Vogtland konsultieren ihren Arzt via Bildschirm: Telemedizin soll die Zukunft sein auf dem Lande. Dort, wo Ärzte Mangelware sind. Die Videosprechstunde startet deutschlandweit erstmalig am Klinikum Obergöltzsch Rodewisch.

Rodewisch - Wann der Patient erstmals seinem Arzt auf dem Bildschirm begegnet, ist noch ungewiss. Ebenso die Orte der beiden ambulanten Service-Zentren, die der Patient aufsucht, um mit dem Arzt in digitalen Kontakt zu treten. Viel zu viele Fragen gilt es für die "Macher" von Obergöltzsch, der Westsächsischen Hochschule Zwickau, dem Verein GeriNet Leipzig und der Simba n³ GmbH aus Oelsnitz zu lösen.

Eines aber ist sicher: "Ganz ohne Ärzte wird es nicht gehen", sagt Obergöltzschs ärztlicher Leiter Dr. Thomas Schmidt in die gestrige Modellprojekt-Runde. Warum das Sächsische Sozialministerium über EFRE-Förderung 1,4 Millionen Euro in die Telemedizin pumpt, erklärt dessen Staatsministerin Regina Kraushaar: "Unsere Kapazitätsprobleme bei Ärzten kriegen wir nicht mit einem Fingerschnippen weg." Telemedizin soll die Wartezimmer des Arztes leerer machen, den Arzt von unnötigen Hausbesuchen entlasten, ihm Zeit sparen.

Am Dienstag nun wälzten Vertreter aller Projektpartner sowie vogtländische Hausärzte viele Probleme, nachdem man ihnen die Telemedizin-Software "ElVi" und "Patientus" vorgestellt hatte. Unklar sei noch, wer die Chipkarten der Patienten vor einer solchen virtuellen Sprechstunde einliest, welche Anforderungen auf das "mittlere medizinische Personal", eine moderne "Gemeindeschwester Agnes", zukommt, wer die Servicestelle finanziert und wie hoch die Ärzte ihre Leistung "Telemedizin" bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abrechnen können.

"Wenn ein Telemediziner in zehn Minuten Videosprechstunde 20 Euro und in einer Stunde 120 Euro verdient, kann ich da als KV-Arzt nicht mithalten. Da liegt die Versuchung nahe, nur noch Videosprechstunden zu halten", nennt der Auerbacher Arzt Steffen Heidenreich, Vorsitzender des Sächsischen Hausärzteverbandes, auch für den Patienten nachteilige Konsequenzen.

Generell sei Telemedizin für ältere Menschen, die auf dem Dorf wohnen, nicht motorisiert sind und nicht auf sich kümmernde Verwandtschaft zurückgreifen können, eine Alternative. Zielgruppe des Projektes, das bis zum 31. Juli 2020 läuft, ältere Patienten.

Deshalb läuft die Internetsprechstunde nur in den Service-Zentren. Ähnlich wie in der Arztpraxis, wird der Patient dort von der Schwester empfangen - sie koordiniert auch manche Eingabe in der Telemedizin-Software.

Unter ihrer Anleitung kann der Patient virtuell einen Termin mit einem Mediziner aus dem Ärzte-Pool festmachen. Einen Schritt weiter denkt die Plauener Ärztin Andrea Horlomus. Ginge es nach ihr, würde sie den Zwischenschritt "Service-Zentrum" einsparen und von ihrer Praxis aus via Skype mit dem Patienten in Kontakt treten. Via Whats-App-Nachricht halte sie es jetzt schon so mit manchen Patienten, verrät sie.

Telemedizin auf dem Smartphone setze jedoch digitales Verständnis beim Patienten voraus. "In ein paar Jahren wird das Gang und Gäbe sein", so die Ärztin. Telemedizin solle auch helfen, den Arzt von Bürokratie zu befreien. "Das System schnürt das Gesundheitswesen ab. Wir glauben, dass Regelungen alles regeln. Aber wir müssen uns auch Freiräume schaffen, um operativ entscheiden zu können", so Dr. Matthias Nagel von Simba n³". cze