Anwalt spricht als Politiker

Mechelgrün - "Das ist ja wie im Tollhaus: Seit wann muss ein Zeuge beweisen, was er gesehen hat?" Das fragt der Rechtsanwalt und Politiker Martin Treeck - und meint solche Beobachtungen: Wie eine Erzieherin den eingemachten Schlüpfer einem Kind zur Strafe über den Kopf zieht, wie sie ein Kind haut, wie sie den Kopf des Kindes nach hinten drückt, um es unter Zwang zu füttern...

Es geht um die Vorwürfe über Kindesmisshandlung im Kindergarten Mechelgrün. Der Staatsanwalt ermittelt gegen eine Erzieherin; zwei weitere sind beurlaubt. Und doch sind die Eltern des Kindergartens nicht zufrieden. Sie fühlen sich allein gelassen - vor allem von Bürgermeisterin Carmen Künzel: Sie lüge, sie bagatellisiere, sie versuche den Fall unter den Teppich zu kehren.

Deshalb haben sich rund 20 Eltern am Freitag im Zschockauer Hof versammelt: Treeck als Rechtsanwalt soll ihnen die rechtliche Situation erklären, Treeck als Politiker (der für die FDP in den Landtag will) soll sagen, wie sie politisch Druck machen können. "Warum gab es keinen Elternabend mit uns? Warum spricht keiner mit uns? Warum gibt es im anderen Kindergarten der Gemeinde Briefe an die Eltern - aber nicht an uns?", fragt ein Vater und eine Mutter stellt fest: "Niemand hat bisher gefragt, wie es unseren Kindern geht!" Manchen Eltern kommen heute noch fast die Tränen, wenn sie über das Martyrium ihrer Kinder sprechen. Laut Treeck fühlen sich die Eltern im Stich gelassen von Gemeinde und Landkreis. Keiner habe Unterstützung signalisiert. Stimmt das? Wie eine Mutter berichtet, hatte das Jugendamt psychologische Hilfe angeboten. Die Frau sagt, dass sie abgelehnt habe - aus zwei Gründen: Bei kleinen Kindern sei es nicht sinnvoll und "ich habe Zweifel, ob ich wirklich alles genau wissen will".

Rückblick: Zwei Mitarbeiterinnen hatten im März der Leiterin über Unsäglichkeiten im Kindergarten berichtet. Als nichts passierte, schickten sie Berichte an die Bürgermeisterin, Berichte über Lieblosigkeit, über Hiebe und andere Grausamkeiten. Die Bürgermeisterin kündigte der Hauptbeschuldigten und zahlte - "weil nichts bewiesen ist" - ein Abfindung. Und sonst? Keine Polizei, kein Jugendamt, nix. Die beiden anderen (weniger) belasteten Erzieherinnen taten Dienst wie bisher. Erst da platzte den Zeugen der Kragen - und sie informierten die Eltern, die plötzlich merkten, dass sie von der Bürgermeisterin wochenlang für dumm verkauft wurden.

Am nächsten Tag schlugen die Eltern Alarm: Seitdem ermittelt die Kripo und das Jugendamt hat die zwei bescholtenen Erzieherinnen sofort beurlaubt. "Und jetzt behandelt die Bürgermeisterin Eltern und Zeugen wie Nestbeschmutzer, statt sich vor sie zu stellen", sagt Treeck im Zschockauer Hof und spricht den Anwesenden aus dem Herzen. Die eine Zeugin ist Erzieherin und mit Zeitvertrag beschäftigt. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz will sie nichts sagen. Kerstin Borchert ist die andere Zeugin - aber seit diesem Monat ohne Arbeit. Ihre Arbeitsstelle ist futsch als Ein-Euro-Kraft im Kindergarten, obwohl es für eine Verlängerung nach ihren Worten gut ausgesehen hatte - bis zum Öffentlichwerden der Misshandlungsvorwürfe.

"Ich habe nur die Wahrheit gesagt", sagt sie. "Jetzt hat mir die Bürgermeisterin auch noch ein Hausverbot für den Kindergarten ausgesprochen." Die Eltern solidarisieren sich am Freitag mit Frau Borchert und sammeln Unterschriften für sie. Die Listen sollen an den Landrat gehen, an Kreistag und Gemeinde. In diese Richtung denkt auch Rechtsanwalt Treeck: Er kündigt eine Pressemitteilung an, mit Hinweisen, was die Eltern tun sollen.

PS: Der Vogtland-Anzeiger fragte auch Bürgermeisterin Carmen Künzel nach ihrer Meinung. "Ich will dazu nichts sagen."  ufa