Ansichtssache: Schlechte Zeiten

Von Wilfried Hub

Keine guten Zeiten für Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer. Am vergangenen Samstag wurde er bei der Einwohnerversammlung in Oberlosa wegen des neuen Industriegebiets beschimpft. Dann musste er bei der Dittes-Oberschule eine krachende Niederlage hinnehmen. Und dass die Stadt den Stadtwerken Strom mit einem Millionen-Zuschuss unter die Arme greifen muss, wird ihm gewiss auch nicht gefallen. Einziger Lichtblick in diesen schlechten Zeiten war der Kurzbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag. Der OB strahlte mit der Sonne um die Wette. Das Lob Steinmeiers für Plauen, das im Fernsehen gesendet wurde, tat nicht nur dem OB gut. Es war gute Werbung für unsere Stadt.
 Beim Thema Oberlosa konnte er am Dienstag im Stadtrat einen Sieg einfahren, der aber zum Pyrrhussieg werden könnte. Die Stadträte stimmten dem Bebauungsplan für das Industriegebiet Oberlosa, über den seit Jahren gestritten wird, zwar zu. Die Oberlosaer waren mit dem Ergebnis aber offensichtlich nicht zufrieden. Enttäuscht verließen sie die Festhalle. Mit dem Beschluss wurden die Interessen des Stadtteils den Interessen der Gesamtstadt und den vielleicht zu erwartenden 400 bis 500 Arbeitsplätzen geopfert. Daran wird auch der wachsweiche Zusatzbeschluss zur Sperrung der Straße zwischen Oberlosa und Unterlosa nicht viel ändern. Allein schon die Formulierung, "dass Alternativen zu prüfen sind", verrät, dass da vermutlich nicht mehr viel passieren wird. Die Kreuzung wird irgendwann "abgebunden". Im Klartext: Sie wird dicht gemacht.
Industriegebiet ist wichtig
Der Beschluss ist aber dennoch richtig und wichtig. Plauen hat keine freien Gewerbeflächen mehr und braucht neue, damit sich weitere Betriebe ansiedeln können. Nachfrage ist vorhanden. Nur so können neue Arbeitsplätze entstehen, nur so kann die Zukunft des Industriestandortes Plauen gesichert werden. Die Stadt hat sich bemüht, die Beeinträchtigung durch das Industriegebiet klein zu halten. Wer fair ist, muss den Planern im Rathaus bescheinigen, dass man Oberlosa sehr weit entgegenkam. Von den 400 Einsprüchen wurden zwei Drittel berücksichtigt. Die Eskalation des Streites hätte vermieden werden können, wenn die Stadt von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Fazit: Der Beschluss ist richtig, aber das Verfahren war dilettantisch. Dass jetzt die Fronten zwischen Stadt und Oberlosa verhärtet sind, hat der OB zu verantworten.
 Kein Wunder, dass Oberdorfer bei der Versammlung in Oberlosa heftig Kritik einstecken musste. Der Hauptvorwurf war, dass doch alles längst entschieden sei und die Bürger nur noch besänftigt werden sollten. Die Stadt habe so getan, als sei mit einer "Abbindung" der Kreuzung vorerst nicht zu rechnen, sondern erst im Zuge des dreispurigen Ausbaus der B92 und das könne noch dauern. Das sei nicht die Wahrheit gewesen. "Wir fühlen uns verarscht", machten sich die Oberlosaer in der hitzigen Debatte Luft. Der Oberbürgermeister hätte längst zugestimmt, die Kreuzung für eine neue Zufahrt zu opfern.
 Auch bei der Dittes-Oberschule wurde Hoffnung verbreitet, ohne Aussicht auf Erfolg. Das Schulgesetz ist in diesem Punkt eindeutig: Oberschulen in Oberzentren müssen zweizügig sein. Das geht in der Dittes-Schule aber nicht. Stadt und Oberbürgermeister hatten genug Zeit, Lösungen zu finden, meint der Kultusminister. Ihn hatte Oberdorfer vor ein paar Tagen um eine Ausnahmegenehmigung gebeten. Dresden lehnte ab. Der OB gab den Schwarzen Peter umgehend zurück: Es habe sich wieder einmal gezeigt, dass die Schulpolitik im Freistaat nicht flexibel sei. Die Eltern sind mit Recht gefrustet, fühlen sich allein gelassen: Erst kurz vor Schuljahresende haben sie erfahren, dass ihre Kinder nicht in die Schule dürfen, für die sie angemeldet waren. Sie dürfen die Ferien nutzen, eine neue zu finden.
-----
www.vogtland-anzeigen.de