Ansichtssache: Narrenfreiheit

Von Wilfried Hub

Karneval ist eine ernste Sache. Vor allem für die Vereine, die ihn veranstalten. In jeder Faschingssitzung steckt enorm viel, meist ehrenamtliche Arbeit. Egal ob jemand singt, tanzt oder eine Büttenrede vom Stapel lässt - es ist eben nicht so einfach, andere zum Lachen zu bringen. Vor allem die Redner bereiten ihre meist geschliffenen humoristischen Vorträge oft monatelang vor. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn die Pointen nicht so ankommen wie geplant. Schrecklich für den Wortakrobaten, wenn in der für Applaus vorgesehenen Sprechpause nichts passiert. Keiner klatscht, keiner pfeift, kein Gejohle. Einfach nichts. Da sind "De Doof Noß", der "Bajazz" und der "Till" ganz schnell stinkwütend. Büttenredner sind sehr sensibel. Der Aufreger der diesjährigen Kampagne ist ein Witz von Bernd Stelter über Annegret Kramp-Karrenbauer und deren Doppelnamen.
 Ich durfte es selbst schon erleben wie dünnhäutig Büttenredner sein können. Es ist mehr als 30 Jahre her, Ort und Verein spielen keine Rolle, da sollte ich über eine Karnevalssitzung für die Zeitung berichten. Damals wusste ich noch nicht, dass ein guter Journalist möglichst positiv über Termine im Karneval zu schreiben hat. Ganz egal wie's tatsächlich war. Ausgerechnet über einen sehr erfahrenen und verdienten Karnevalisten, einer Ikone sozusagen, schrieb ich zwar nicht ganz ernst gemeint, aber dennoch wahrheitsgemäß, dass viele seiner Witze beim Publikum nicht ankamen. Da war vielleicht was los. Aber ich schwöre, die Leute haben wirklich nicht geklatscht und nicht gelacht.
 Ein paar Wochen später begegneten wir uns zufällig in einer Kneipe wieder. Die Kampagne lief noch. Ich hatte die Sache längst vergessen, er aber nicht. Was ich mir erlaube, so etwas über ihn zu schreiben, brüllte er. Ob ich denn nicht wisse, wer er sei. Das wäre ihm ja noch nie passiert. Er fasste mich am Kragen, drohte mir Schläge an. Ich weiß gar nicht mehr wie viele Biere es mich kostete, bis er sich wieder beruhigte. Am Ende waren wir Freunde. Schlecht waren seine Witze dennoch. Das muss auch anderen aufgefallen sein. Er stieg nach dem Vorfall jedenfalls nie wieder in die Bütt. Wie gesagt, Karneval ist eine ernste Sache und leider verstehen viele Berufs-Narren keinen Spaß. 

Eklat um Doppelnamen

Der bekannte Comedian Bernd Stelter versteht Spaß, und seine Witze kommen meistens gut an. Aber auch er muss damit leben, dass das nicht alle so sehen. Es geschah während einer Sitzung in Köln, die vom WDR aufgezeichnet wurde. Bernd Stelter als westfälischer Immi (Deutsch: Zugereister) nahm auf der Bühne CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wegen des Doppelnamens auf die Schippe. Eine Dame im Publikum fühlte sich persönlich herabgewürdigt. Die wütende Frau, eigens aus Weimar angereist, stürzte auf die Bühne, beschimpfte Bernd Stelter wüst und sorgte damit für ein Pfeifkonzert im Saal. Frau Möller-Hasenbeck wurde von Ordnern vor die Tür geleitet. 
 Der Zwischenfall ging bundesweit durch die Medien. Auch bei Facebook und Co. empörten sich die Nutzer über Stelters harmlosen Witz. Der WDR zog die Konsequenzen: Die Szene mit dem Eklat wurde herausgeschnitten und wird in der Ausstrahlung der Sendung am Rosenmontag nicht zu sehen sein. Für mich ist diese Zensur der eigentliche Aufreger. Die völlig überzogene Reaktion des Fernsehsenders führte in den sozialen Medien gleichfalls zu einer hitzigen Debatte.
 Bei allem Respekt, wer nicht mal solch harmlose Witze verkraftet, sollte dem Karneval besser fernbleiben. Ich empfehle einen Kurzurlaub an der Küste oder in Süditalien. Im Karneval ist fast alles erlaubt. Das nennt man Narrenfreiheit. Humor ist wenn man trotzdem lacht. In diesem Sinne wünsche ich ein närrisches Wochenende. Und legen Sie bis Faschingsdienstag bitte nicht jedes Wort auf die Goldwaage.
-----
www.vogtland-anzeiger.de