Ansichtssache: Mehrarbeit

Von Wilfried Hub

Wer in Sachsen einen Termin beim Augenarzt möchte, muss als Kassenpatient bis zu acht Monate warten. Ein Privatpatient kann angeblich mit einem Termin in zwei, drei Wochen rechnen. Viele sehen darin eine große Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muss. Es darf keine Zweiklassenmedizin geben, also muss man die private Krankenversicherung (PKV) auflösen - so die Schlussfolgerung. Wer so denkt, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Die PKV ist eine wichtige Stütze unseres Gesundheitssystems. Der Bundestag hat am Donnerstag ein Gesetz beschlossen, das den Kassenpatienten zu schnelleren Terminen verhelfen soll. Die Ärzte sollen deshalb ab 1. Mai mehr arbeiten. Mindestens 25 Wochenstunden statt bislang 20 für gesetzlich Versicherte sollen angeboten werden. Zumindest in Ostdeutschland geht das von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erfundene Gesetz leider an der Realität vorbei.
 Das Terminservice- und Versorgungsgesetz macht die Ärzte zu den Buhmännern der Nation. Sie bevorzugen und hofieren angeblich die Privatpatienten und vernachlässigen die Kassenpatienten. So ein Quatsch. Vertreter der Krankenkassen schlagen sogar vor, Sprechstunden auch auf den Abend oder das Wochenende auszuweiten. Die Idee ist "dreist und frech" und ein Schlag ins Gesicht der niedergelassenen Ärzte. Die Ärzteverbände sehen einen Eingriff des Staates in ihre Selbstverwaltung. Gerade in Ostdeutschland arbeiten viele Ärzte am Limit. Zusätzliche Termine sind gar nicht möglich. Ein Arzt arbeitet im Durchschnitt 50 Stunden pro Woche. Pflicht sind derzeit nur 20 Stunden. Für die geforderte Mehrarbeit sollen die Ärzte eine höhere Vergütung erhalten. Auch zusätzliche offene Sprechzeiten und schnelle Terminvergaben sollen honoriert werden. Ob das wirklich hilft?

Ärztemangel das Problem 


Das neue Gesetz soll dafür sorgen, dass die Ärzte bis zu 800 Millionen Euro zusätzliche Honorare erhalten. Und ich Idiot glaubte bis jetzt, die Regierung arbeitet daran, die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren. Irrtum. Das neue Gesetz löst das grundsätzliche Problem ohnehin nicht: Das liegt im Ärztemangel. Der ist der wichtigste Grund für die Wartezeiten bei der Terminvergabe. Ein weiterer Vorwurf an die Mediziner: Die Ärzte können sich ihre Patienten aussuchen und bevorzugen deshalb die besser zahlenden Privatpatienten. Das mag es im Westen geben, hier habe ich so etwas eher selten erlebt. Im Gegenteil. Die Ärzte achten sehr genau darauf, die wenigen Privatpatienten, die sie haben nur ja nicht zu bevorzugen. Sätze wie "Sie glauben wohl, Sie kommen schneller dran, nur weil Sie Privatpatient sind. Bei uns wird jeder gleich behandelt", habe ich mehr als ein Mal am Anmeldetresen gehört.
 Die Neid-Diskussion kommt denjenigen gerade recht, die die PKV abschaffen wollen. Die SPD zum Beispiel will das. Sie möchte eine Bürgerversicherung einführen. Auch Minister Spahn tut sein Möglichstes, die PKV zu verteufeln. Doch auch ohne Privatversicherung wird es Bevorzugungen geben. Patienten, die eine Besserbehandlung wünschen, werden Mittel und Wege finden, die auch zu bekommen. Wer die PKV abschaffen möchte, sollte bedenken, welche Einnahmen er dem Gesundheitssystem damit entzieht. Die "Privaten" versichern in Deutschland gerade einmal 10,6 Prozent aller Bürger, tragen aber rund ein Drittel der Kosten im Gesundheitswesen. Ein Privatpatient trägt also etwa drei Mal so viele Kosten wie ein Kassenpatient. Dieser Mehraufwand fließt nicht nur in Arztgehälter, sondern auch in die Anschaffung moderner Medizintechnik, die auch Kassenpatienten zur Verfügung steht. Die Privatpatienten stützen das Gesundheitssystem massiv. Ohne diese Einnahmen müssten die Versorgung für alle deutlich zusammengestrichen und die Beiträge massiv erhöht werden.
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