Ansichtssache: Kulturelles Erbe

Von Wilfried Hub

Mit keinem guten Gefühl ging ich am Dienstag zur Plauener Stadtratssitzung. Stand doch zu befürchten, dass die Abgeordneten die teilweise Zerstörung des kürzlich hinter der Rathausfassade wieder entdeckten Kunstwerks von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht aus dem Jahr 1978 beschließen. Denn die Abstimmungsvorlage der Verwaltung sah vor, dass bei der Sanierung des nordwestlichen Rathausflügels nur ein Teil des Wandbildes wiederhergestellt und restauriert werden soll. Das böse Wort von der "Geisterbahn" macht schon seit einigen Monaten in Plauen die Runde. Zu hohe Kosten, Behinderung bei der Sanierung und Zeitverlust waren auch am Dienstag die vorgetragenen Argumente gegen das Bild, das manche auch einfach nur hässlich finden. Doch es kam anders. Die Kunstbanausen konnten sich nicht durchsetzen. Der Stadtrat beschloss mit großer Mehrheit den vollständigen Erhalt des Wandbilds.
 In Zeiten politischer Unruhen und einem großen Vertrauensverlust der Politiker durften die Besucher eine Sternstunde parlamentarischer Demokratie miterleben. Trotz massiv gegensätzlicher Ansichten kam es zu einem zwar leidenschaftlichen, aber stets sachlichen Austausch der Argumente. Es kommt selten vor, dass im Rat nach einer Entscheidung Beifall unter den Abgeordneten und Besuchern aufbraust. Am Dienstag war es so. Für alle eine gute Erfahrung. Lob gebührt Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer, der die Diskussion souverän und fair moderierte. Zu keinem Zeitpunkt hatte man den Eindruck, er wolle den Rat mit seiner Meinung (Bild teilweise erhalten) beeinflussen. Er machte ganz im Gegenteil deutlich, dass er jede Entscheidung mittragen werde. Es war gut, dass neben vielen Stadträten auch externe Experten zu Wort kamen. Elke Hannemann, Galeristin aus Leipzig und Adlers Nachlassverwalterin, lobte das Werk als "Glücksfall für Plauen".

Mehraufwand lohnt sich

Mit der klugen Entscheidung des Stadtrates ist es gelungen, ein Stück kulturelles Erbe Plauens zu retten und zu bewahren. Das einzigartige abstrakte Wandbild des international anerkannten Künstlers dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ehrt unsere Stadt. Adler, im Vogtland geboren, Schüler der Plauener Kunstschule und 2018 verstorben, schuf das Wandbild 1987 zusammen mit Friedrich Kracht als hervorragendes Beispiel der Ostmoderne. Es ist Kunst am Bau vom Feinsten. 1987 wurde das Wandbild mit Sandsteinplatten abgedeckt, weil es den DDR-Machthabern nicht mehr genehm war. Während der Diskussion kam mir die Wandgestaltung des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums in den Sinn, eine 55 Meter lange und zehn Meter hohe abstrakte Keramikwand des Künstlers Joan Miró. Das Werk ist längst zum Wahrzeichen der Großstadt am Rhein geworden. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt, vor allem was die Dimensionen anbelangt, könnte das Adler-Werk für Plauen durchaus eine ähnliche Bedeutung erlangen. Die Wand aus 7200 Fliesen hatte Ludwigshafen mehrere Millionen DM gekostet. 
 Ohne Zweifel wird die Erhaltung des Adler-Bildes die Planungen behindern und sicherlich auch verändern. Eine Öffnung der Fassade, um die dahinter liegenden Arbeitsplätze mit Tageslicht zu versorgen, wird nicht mehr möglich sein. Auch Mehraufwand für Belüftung und Brandschutz ist nötig. Am Ende könnten die zusätzlichen Kosten bei einer halben Million Euro liegen, von der die Stadt aber wohl weniger als zehn Prozent wird tragen müssen. Ich bin mir sehr sicher, dass die     Architekten gute Lösungen finden werden. Ebenso sicher bin ich, dass am Ende alle stolz sein werden, mitgeholfen zu haben, das Kunstwerk für die Stadt gerettet zu haben. Plauen wird nach längerer Zeit endlich mal wieder mit sehr positiven Nachrichten bundesweit auf sich aufmerksam machen. Vielen Dank!
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