Ansichtssache: Grüße vom Milchmädchen

Von Wilfried Hub

Alle reden vom Klimaschutz, vom CO2-Ausstoß und von der Belastung durch Feinstaub. Meistens wird der Individualverkehr, also das Auto, dafür verantwortlich gemacht. So wird dafür geworben, der Umwelt zuliebe doch besser den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) zu nutzen. Das würden viele auch gerne tun, wenn Busse und Bahnen den Bedarf auch wirklich decken könnten. Doch so lange Bus- und Bahnlinien nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben oder wieder gestrichen werden, ist das kaum möglich. Auch das hochgelobte Vogtlandnetz 2019+, das an diesem Wochenende in Kraft tritt, führt nicht überall zu Verbesserungen. Im Gegenteil: Der Wegfall der Buslinie 21 von Plauen nach Hof zum Beispiel wird für viele (ehemalige) Fahrgäste zum Problem. Sie spielen mit dem Gedanken, wieder aufs Auto umzusteigen. Mit dem ÖPNV kommt man zwar auch künftig nach Hof beziehungsweise Plauen, doch es ist kompliziert und dauert sehr lange.
Von Berufspendlern wurden die Busse der Linie 21 gerne genutzt. Diese waren früh und abends gut gefüllt. Tagsüber, das stimmt, waren die Busse nur mäßig besetzt. Der Verkehrsverbund rechnet vor, dass "statistisch im Durchschnitt weniger als sechs Fahrgäste je Fahrt" registriert wurden und deshalb die Linie unrentabel war. Was für eine Milchmädchenrechnung! Da sich die Fahrten am Morgen und Abend "lohnen", könnte dieses Minimalangebot doch eigentlich erhalten bleiben. Aber nein. Der Verkehrsverbund empfiehlt, künftig die Bahn zu nehmen, die aber in Hof leider nur am Hauptbahnhof hält. Wer in der Innenstadt arbeitet, muss doch noch einen Bus nehmen oder laufen.
Ein Problem ist der Wegfall der Buslinie 21 auch für die Gemeinden an der B 173 zwischen Plauen und Hof. Die Leute in Pirk fühlen sich abgehängt. Sie kommen nur noch mit großem Umweg nach Hof und zu den Fernbahnlinien Richtung Süden. Wer in Großzöbern wohnt, kommt ohne Auto nirgends mehr hin. Die Pirker konnten bislang bequem in den Bus der Linie 21 einsteigen und an den Haltestellen in Hof aussteigen. Sie konnten in der Innenstadt einkaufen oder am Bahnhof in die Züge Richtung Süden umsteigen. Künftig müssen die Fahrgäste mit dem Zug nach Plauen fahren und dann weiter nach Hof. Das dauert. Wer in Großzöbern wohnt, kann selbst das nicht. Vor allem Senioren aus den Gemeinden zwischen Hof und Plauen nutzten die Busse der Linie 21 gerne zum Einkauf oder für Termine beim Arzt. Der angekündigte Rufbus ist keine echte Alternative.
Ländlichen Raum stärken
Die Politiker in Sachsen und Bayern reden nur zu gerne über die Stärkung des ländlichen Raumes; nicht zuletzt, um die Abwanderung in die Städte zu stoppen. Entscheidende Voraussetzung dafür ist eine intakte Infrastruktur. Dazu gehört vor allem, dass die Leute mit Bussen und Bahnen in vertretbaren Zeiten in die Zentren fahren können. Leider werden die Forderungen der Politiker (und Bürger) von den Verantwortlichen für den ÖPNV weitgehend ignoriert. Wie gesagt, so lange auch wirtschaftliche Belange beim ÖPNV eine entscheidende Rolle spielen, bleiben sowohl die Stärkung des ländlichen Raumes als auch der Klimaschutz auf der Strecke.
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