"Annalena kann Kanzlerin"

Sie haben verschiedene politische Ansichten und vertreten unterschiedliche Parteien. Doch eines eint sie: Sie wollen als jeweilige vogtländische Direktkandidaten in den neuen Bundestag einziehen. Wir stellen die Bewerber in loser Reihenfolge vor und beginnen mit Olaf Horlbeck, der für die Grünen kandidiert.

Von Torsten Piontkowski

Steinberg In diesem Jahr feiert Olaf Horlbeck ein kleines Jubiläum: Vor zehn Jahren trat er in "seine" Partei, die Grünen, ein. "Grünen-Wähler war ich schon immer, weil mir deren Grundgedanken extrem wichtig sind. Den Ausschlag gab aber, dass Kanzlerin Merkel in Sachen Atomkraft den Ausstieg aus dem Ausstieg verkündete und den dann wieder rückgängig machte - das muss man sich mal überlegen, eine promovierte Physikerin. Diese Aktion hat unglaubliche 2,4 Milliarden Euro gekostet."
Bedient man ein Klischee, dürfte der selbstständige Tischlermeister Horlbeck aus dem (sehr) ländlichen Raum Steinberg, mit den Grünen wenig am Hut haben. Er selbst, seit 2019 für seine Partei auch im Kreistag aktiv, sieht das anders. "Da gibt es viele Übereinstimmungen. Auch Handwerker sind ja in der Regel bemüht, ressourcenschonend zu arbeiten. Inzwischen gibt es in der Partei sogar eine Plattform ‚Handwerksgrün‘".
Ob sich seine einstigen Motive, in die Partei einzutreten, für die er auf Landesebene mittlerweile sogar im Parteirat aktiv ist, mit den heutigen decken? Die Motivation sei sogar stetig gestiegen, sagt Horlbeck, und damit auch das politische Engagement. "Mir ist es wichtig, jene Leute zu unterstützen, die für ihre richtigen Ansichten jahrelang Prügel bezogen haben. Und da bin ich offensichtlich nicht der Einzige. Als ich Parteimitglied wurde, gab es davon 50.000, jetzt ist die Mitgliederzahl auf 106.000 gestiegen.
Horlbeck kandidiert auf der sächsischen Landesliste auf Platz 12. Die Chancen sieht er realistisch. "Das hat wohl eher symbolischen Charakter." In westlichen Bundesländern ist die Situation eine andere. Wie aber erklärt er sich die Zurückhaltung gegenüber den Grünen im Osten?
"Gäbe es nur einen Grund, könnte man ihn abstellen. Da geht die weit verbreitete und von den Regierenden geschürte Meinung um, mit den Grünen würde alles teurer. Ja, wir treten beispielsweise dafür ein, dass Nahrungsmittel aus der Region stammen sollten und dann sind sie auch etwas teurer. Aber es ist Aufgabe der Politik, die Einkommen so zu gestalten, dass man sich diese Lebensmittel leisten kann. In unserem Wahlprogramm steht die Entlastung von kleinen und Mittelverdienern im Fokus. Das summiert sich für eine vierköpfige Familie auf 3000 Euro im Jahr, die sich dann auch die entsprechenden Produkte leisten kann. Das Bewusstsein, etwas für die Zukunft tun zu müssen kommt bei den Menschen an. Ich sage immer, wer die Grünen nicht wählt, glaubt, man könne sich die Reichen leisten. Und es kommen weitere Fehler der Regierung hinzu. Sachsen hat die größte Handwerkerdichte in Deutschland, das Vogtland wiederum die größte in Sachsen. Die Leute arbeiten hart und fleißig und verdienen weniger als in der Industrie. Es fehlen Fachkräfte, weil das Vogtland jahrelang als Billiglohnregion gepriesen wurde.
Ist es vielleicht nicht auch so, dass "der" Mensch Veränderungen fürchtet? Als reine Augenauswischerei der Politik bezeichnet es Horlbeck, es könne alles so weitergehen wie bisher. "Veränderung ist nichts Schlimmes, sondern notwendig. Es ist verantwortungslos, den Menschen zu suggerieren, die Grünen wollten alles teurer machen - es handelt sich um notwendige Dinge, die Zukunft sicherer zu machen." - Ist die Zeit also reif für einen "grünen" Kanzler, respektive Kanzlerin? Darum gehe es nicht in erster Linie, ist Horlbeck überzeugt. "Es geht um eine Regierung, die die Themen der Zukunft erkennt und angeht. Und alles wird Geld kosten - Investitionen in die Digitalisierung, die Infrastruktur, die Bildung... Das traue ich eigentlich jeder demokratischen Partei zu. Aber wie ernst wir Grünen es damit meinen, zeigt unser Wahlprogramm - und dazu gab‘s immerhin auch 3500 Änderungsanträge". Buchstäblich jeder Bereich, so Horlbeck, stehe auf dem Prüfstand. "Wir wollen einen Transformationsprozess einleiten, den es in der deutschen Geschichte noch nicht gab. Und dafür müssen die Menschen mitgenommen werden.
Ob Robert Habeck der bessere Kandidat gewesen wäre?" Es lief nicht alles rund", räumt Horlbeck ein. Das könne Stimmen kosten und werde es wohl auch. Andererseits: Jeder, der die Kanzlerschaft anstrebt mache Fehler. "Annalena kann Kanzlerin mindestens so gut wie Laschet oder Scholz.
Wofür er sich im Bundestag speziell einsetzen würde? "Die Bedeutung des Handwerks wird unterschätzt, das muss sich ändern. Vor allem engagiere ich mich für die Abschaffung der unsäglichen Massentierhaltung, die einer entwickelten Gesellschaft unwürdig ist."
Generesll, so Horlbeck, stecke in allem mehr Potential. Den Menschen aber zu suggerieren, das sei alles mit Verzicht verbunden, sei die falsche Lösung. "Es geht um Umbau und Veränderung."
Olaf Horlbeck ein Grüner ohne Fehl und Tadel? "Auf meinem Haus und der Werkstatt sind Solarplatten, wir fahren mit meinem Transporter in den Urlaub und schlafen da auch drin, und ich fahr auch gern Bahn, geflogen bin ich noch nie. Inzwischen ernähre ich mich auch vegan - aus Überzeugung. Aber nehmen wir die Müllvermeidung. Beim normalen Einkauf kommt man meist gar nicht umhin, welchen zu verursachen. Was mir wichtig ist: Jeder sollte nach für ihn passende Alternativen suchen, das Bessere aus sich rauskitzeln.