"Angie, wink' einmal"

"Lass dich überraschen" sang einst Rudi Carrell. Überrascht waren am Sonntag die Zuschauer beim Heimspiel der Chemnitzer Zweitliga-Basketballer. Ein nicht alltäglicher Gast war erschienen: Bundeskanzlerin Angela Merkel stattete den Korbjägern einen Besuch ab - und das nicht zum ersten Mal.

Von Mario Wild

 

Chemnitz  - Irgendetwas war anders als sonst bei den Heimspielen der Chemnitz 99ers: Eine halbe Stunde vor Spielbeginn ist der Parkplatz vor der Halle ansonsten rappelvoll. Diesmal nicht. Auch wenn das eine oder andere ungewöhnliche Gefährt Aufstellung genommen hat. Fahrzeuge von Polizei und Technischem Hilfswerk (THW) in diversen Größenordnungen. Bei manchen Fußballspielen ein gewohntes Bild. Beim Basketball natürlich nicht. Also was sollte das? Am Nachmittag demonstrierten 120 Rechtsextreme von "Pro Chemnitz". "Dafür dieser Aufwand?", mag sich mancher gefragt haben.
Vor der Halle die üblichen Schlangen an der Drehtür, besondere Sicherheitskontrollen: Fehlanzeige. Warum auch?
Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff, als ein Raunen durch die sich füllenden Tribünen ging. "Die Frau, die da auf dem Stuhl direkt hinter dem Korb sitzt. Die kenn' ich doch. Die sieht doch aus wie Angela Merkel." Und der Mann daneben - wie Ministerpräsident Kretzschmar. 
Tickets für die Heimspiele der Niners sind in dieser Spielzeit zwar heiß begehrt, weit über 2000 Fans feuern in der "Hartmannhölle" ihre Lieblinge an. Sollte sich das sogar bis Berlin beziehungsweise Dresden herumgesprochen haben? Vermutlich nicht, sodass der eine oder andere Zuschauer sogar an ein besonders gelungenes - passend zur fünften Jahreszeit - Faschingskostüm glaubte. Kein Scherz. Denn von einer Ankündigung, dass die Kanzlerin das Spiel besuchte, war (außer absoluten) Insidern) nichts bekannt. 
Für endgültige Klärung sorgte erst wenige Sekunden vor dem Spielbeginn Niners-Presse- und Hallensprecher Matthias Pattloch, als er die Ehrengäste offiziell begrüßte. Ein freundlicher Applaus war die Antwort - (leider) keine Selbstverständlichkeit in diesen Tagen. 
Und Angela Merkel, die nach eigenen Angaben erstmals live ein Basketballspiel verfolgte, war schon bald mittendrin im Geschehen, als der Ball in unmittelbarer Nähe bei ihr landete. Das Los der ersten Reihe. Die kaum sichtbaren Security-Männer mussten aber nicht eingreifen, auch nicht als Maskottchen "Karli", das gewisse Ähnlichkeiten mit dem Roten Revolutionär "Karl Marx" aufweist, sein "Selfie" bekam. Ob da bei Mitarbeitern des Bundespresseamts womöglich der eine oder andere Schweißtropfen von der Stirn perlte? 
Die Stimmung in der Halle ist gut und laut. Das lag allerdings nicht an Kanzlerin und Ministerpräsident, sondern am Spiel der Gastgeber, die sich gegen den Tabellenfünften stark präsentieren und die bittere Niederlage vom Freitagabend gegen Nürnberg, als ein 22-Punkte-Vorsprung nicht ausreichte, vergessen machen wollten. Das gelang - zum Teil auf spektakuläre Art und Weise, sodass es sogar das eine oder Mal die Kanzlerin aufstand, Beifall zollte, mitklatschte - wie es sich bei den Niners-Heimspielen gehört. Da gelten auch für Regierungschefinnen keine Ausnahmen.
"Angie, wink' einmal", schallte es eine Minute vor dem Ende - der Sieg war "eingetütet"- aus dem Fanblock. Diese Bitte wurde (mehr oder minder) prompt erfüllt. 
Ende gut, alles gut: Die verletzungsgeplagten Niners haben gewonnen - der hohe Besuch aus Berlin also Glück gebracht. Folgerichtig mahnte Hallensprecher Pattloch an, dass die Kanzlerin sich bitte mal Termine im April freihalten solle. Denn dann geht es um alles oder nichts - in den Playoffs zum Aufstieg in die 1. Bundesliga. Dazu ist ein Mindestetat von drei Millionen Euro nötig - mehr als das Doppelte der bisherigen Summe. Ob dafür Gelder im Bundes- oder Landeshaushalt eingestellt sind? Leider nicht. Und das, obwohl Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Kretzschmar, der aus Plauen vom Faschingsumzug kam, sichtlich Spaß hatten bei den Chemnitz 99ers in der "Hartmannhölle". Das bestätigte Regierungssprecher Steffen Seibert am Sonntagabend: "Toller Basketballverein, der sich für Toleranz und Zusammenhalt in der Stadt einsetzt", twitterte Seibert.

 

Hintergrund:  Die Kanzlerin hatte den Chemnitz 99ers bereits im November einen Besuch abgestattet und sich mit Nachwuchsspielern getroffen. Damals habe sie sich vorgenommen, einmal zu einem Spiel der Mannschaft zu kommen, teilte eine Regierungssprecherin mit. Merkel hatte am 16. November Chemnitz besucht, rund drei Monate nach einer tödlichen Messerattacke auf einen Deutschen. Die Bluttat hatte rechte Demonstrationen und fremdenfeindliche Übergriffe in der Stadt ausgelöst. Nach Angaben der Chemnitzer Polizei besuchten Merkel und Kretschmer am Sonntag auch zwei Lokale in der Stadt, das jüdische Restaurant "Schalom" und das persische Lokal "Safran". Das "Schalom" war am Rande der Proteste gegen Ausländer in Chemnitz Ende August von einer Gruppe Vermummter angegriffen worden, es flogen Steine und Flaschen. Anfang Oktober wurde dann der Inhaber des "Safrans" von Unbekannten attackiert und verletzt. Der neuerliche Besuch Merkels in Chemnitz kam überraschend, er war zuvor nicht angekündigt worden. Ebenfalls am Sonntag fand unabhängig davon in der Stadt eine Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung "Pro Chemnitz" mit geschätzt 120 Teilnehmern statt. Die Polizei war mit 800 Kräften im Einsatz, um den Besuch Merkels und die Versammlung abzusichern. Störungen habe es nicht gegeben.     dpa