Angeklagter schweigt zu Mordvorwurf

Sein Mandant werde sich schweigend verteidigen, sagt Rechtsanwalt Andreas Boine am Mittwoch vor dem Landgericht Zwickau. Der 27-jährige Dresdener soll im Februar Feuer in der Dachwohnung der Dürerstraße 8 in Plauen gelegt und dabei zwei seiner Freunde ermordet haben.

Plauen - Der in Hand- und Fußfesseln vorgeführte schlacksige junge Mann schweigt zu Prozessauftakt. Und er wird es die folgenden sieben bis Ende Oktober angesetzten Verhandlungstage weiter tun.

Als er von Polizisten in den Schwurgerichtssaal geführt wird, hält er sich schützend vor den Kameras der Journalisten einen grünen Aktenordner vors Gesicht. Auch später auf der Anklagebank will er sich am liebsten in die Kapuze seines Shirts und hinter Sonnenbrillengläsern verstecken.

Lebenslange Haft droht dem Mann, wenn ihn das Gericht als Mörder der 22-jährigen Stefanie und des 25-jährigen Anthonys für schuldig spricht und bewiesen ist, dass er am 5. Februar dieses Jahres die Wohnung in Brand gesteckt hat. Er soll ein Stück Stoff mit dem Feuerzeug angezündet, dieses auf einen Stoß Wäsche, die über einem Schaukelstuhl hing, gelegt und gewartet haben, bis die Flammen einen Meter hoch waren.

Dann soll er die Wohnung verlassen haben. In diesen frühen Morgenstunden befanden sich in der Wohnung die beiden Mordopfer, der Bruder des Getöteten (gleichzeitig Verlobter der getöteten Frau) sowie eine weitere junge Frau. Der mutmaßliche Täter war die fünfte Person.

Vorgeworfen wird ihm heimtückisch zwei Menschen getötet zu haben (zweifacher Mord) in Tateinheit mit Brandstiftung mit Todesfolge, versuchter Mord in zwei Fällen, schwere Brandstiftung und gefährliche Körperverletzung. Auch nach Prozessauftakt ist es noch unklar, warum der mutmaßliche Täter die Wohnung in Brand steckte, um seine Freunde, den Menschen, mit denen er Umgang hatte, zu töten.

Unbestritten ist wohl, dass die Tat im Dunstkreis von Leuten geschah, die aus dem Drogenmilieu stammen. Mittzwanziger ohne Job, mit bunten punkigen Haaren, bisweilen unter "Stoff" und Alk stehend. Ob sie der linken, rechten oder überhaupt einer politischen Szene zuzuordnen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Anfängliche Gerüchte, es könnte sich um eine rassistische Tat handeln, bestätigen sich bis dato nicht. Denn wenige Tage vor dem Brand in der Dürerstraße brannte es in einem großen Mietshaus in der Trockentalstraße - einem Haus gleich um die Ecke - in dem vor allem Familien aus Osteuropa und Angehörige der Ethnie Roma wohnten. Weil das Haus in der Trockentalstraße unbewohnbar wurde, zogen die Osteuropäer in die Dürerstraße - doch dort brannte es Tage später auch.

Möglich könnte eine Beziehungstat innerhalb des Freundeskreises sein, in dem es konkret zu einem Streit um einen Hund gegangen sein soll. Das Tier soll der jungen Frau, die sich zum Zeitpunkt der Tat auch in der Wohnung befand, gehört haben. Diese Frau, die die Ex-Freundin des Mordopfers Anthony gewesen sein soll, habe den später Angeklagten am Vorabend massiv bedroht. Sie habe habe ihm die Kniescheibe kaputt machen und den Hund auf ihn hetzen wollen.

Am Morgen des Brandes soll der mutmaßliche Täter, als er das Haus verließ, in Begleitung dieses Hundes gewesen sein. Das Tier hatten Mitarbeiter eines Teppichmarktes an der Sauinsel einige Tage später lebend aus einem Container befreit. Offenbar hatte der flüchtende Angeklagte den Hund dort "entsorgt".

Gegenüber zwei Kripoermittlern, die am Mittwoch als Zeugen aussagten, hatte der 27-Jährige die Tat am 8. Februar gestanden. Ursprünglich vermuteten die Ermittler, der Dresdener sei mit den beiden anderen Bewohnern verbrannt. Als man keine Leiche fand, suchte man den Mann und wurde in Pirna, wo dessen Freundin lebte, fündig.

Zunächst sei der 27-Jährige als Zeuge vernommen worden. In der Vernehmung ergaben sich jedoch Indizien, dass der Mann mit der Tat zu tun habe könnte. So gab er an, bemerkt zu haben, wie Kerzenständer umgefallen seien.

Auch räumte er ein, die Wohnung verlassen zu haben, als es brannte - und seine Klamotten am benachbarten Kik-Marktes entsorgt zu haben. Erinnern an einen jungen Mann, der am frühen Morgen den Markt stürmte und in aller Eile neue Klamotten kaufte, konnte sich eine Kik-Verkäuferin.

"Der Mann roch frisch wie vom Lagerfeuer", so die Beobachtung der Verkäuferin. Später fand die Polizei am beschriebenen Ort die versteckten Klamotten. Als sich der Verdacht erhärtete, dass der Zeuge der Täter sein könnte, fuhren drei Kripobeamte mit dem Dresdener - hier schon in Handschellen - nach Plauen, wo die Zeugen- in eine Beschuldigten-Vernehmung wechselte.

Fehler in der Verfahrensführung begangen zu haben, das warf der Verteidiger des Angeklagten zumindest einem der Beamten vor. So soll der Ermittler den Angeklagten unzureichend vor der Vernehmung belehrt haben; auch dass sein Mandant unter Psychopharmika gestanden und daher nicht vollumfänglich vernehmungsfähig gewesen sein könnte, stand im Raum.

Wegen fehlerhafter Prozess-Formalitäten wollte Boine anfänglich die Verhandlung für einen Tag unterbrechen lassen (wurde vom Vorsitzenden Richter Klaus Hartmann nicht stattgegeben). Auch später zog der Anwalt in Form von Anträgen alle ihm zur Verfügung stehenden juristischen Mittel. Über sieben Stunden Verhandlung waren das Resultat.

Am Donnerstag wurde der Bruder des Getöteten und die überlebende Frau (Hundebesitzerin) gehört.

Beide überlebten. Er lebensgefährlich verletzt mit Verbrennungen 2. und 3. Grades; sie mit Rauchgasvergiftung und leichten Verletzungen. 200.000 Euro Brand-Schaden entstanden übrigens an dem Haus.