Ana und Anna sind in der Welt zu Hause

"Wir lieben Deutschland", sagen Ana Maria Perez Sierra (17) und Anna Kuebler (15) fast unisono. Die Kolumbianerin und die US-Amerikanerin sind für ein Jahr als Austauschschülerinnen in Deutschland und lernen am Plauener Lessing-Gymnasium.

Von Cornelia Henze

Plauen Noch umarmen sich die Nord- und Südamerikanerin innig und lachen fröhlich um die Wette. Doch schon bald wirdAna Maria die Koffer packen, ihre Freundin Anna, die Gastfamilie und all die neuen Mitschüler aus dem "Lessing" verlassen. Am 18. Januar geht der Flieger nach Kolumbien. Zurück geht es zu Mama und Papa und den beiden älteren Geschwistern in die 800.000-Einwohner-Stadt Villavicencio, und kurz darauf wird Ana ihr Psychologie-Studium an der Uni in Bogota beginnen.
In den zehn Monaten haben beide Mädchen super Deutsch gelernt. Das Mädchen aus Kolumbien hatte keinerlei Deutschkenntnisse, dafür aber den Ehrgeiz, die als schwierig geltende Sprache zu lernen. Anders bei Anna Kuebler. Ihr Vater Karl-Heinz ist Deutscher, kam vor 20 Jahren dienstlich in die Staaten und verliebte sich in eine US-Amerikanerin: Annas Mutter. Heute lebt die fünfköpfige Familie im Bundesstaat Michigan, in Clarkston, einer Plauen an Einwohnerzahl ähnlichen Stadt nahe Detroit. Viel Deutsch gesprochen worden sei in ihrer Familie nicht geworden, dennoch war sie neugierig auf die Heimat ihres Vaters. In Stuttgart gibt es noch Verwandte, verrät Anna. So kam Anna über das Austauschprogramm von Rotary und Ana über AFS nach Deutschland. Der Zufall wollte es, dass es Plauen wurde.
Anfangs sei Deutschland für beide ein Kulturschock gewesen. Gelacht wird über kleine Missgeschicke, wie über die Funktionsweise von Kippfenstenr: Etwas, das es weder in den USA noch in Kolumbien gibt. "Ich dachte, ich habe das Fenster kaputt gemacht, es kam mir plötzlich entgegen geflogen", sagt Anna und es folgt eine ihrer fröhlichen Lachsalven, in die Anna ebenso verfällt. "Die Leute in Kolumbien tanzen, lachen, singen - sind glücklich, auch wenn sie wenig haben", beschreibt Ana die Grundmentalität ihrer Landsleute. Auch in den USA lache man gern, sagt Anna. Beide hatten anfangs deshalb Schwierigkeiten, mit der scheinbar weniger herzlichen, zurückhaltenden Art der Deutschen. "Die Deutschen sind freundlich, aber manchmal zeigen sie es nicht, denn sie sind schüchtern", sagt Ana.
Lernt man sich erst mal richtig kennen, ist die Schüchternheit schnell verflogen. Von "ihrer Familie", "Mama, Papa und den Schwestern Lisa und Lara" spricht sie von ihrer Gastfamilie, Familie Golde. Ebenso herzlich aufgenommen wurde die US-Amerikanerin bei Udo und Odette Gnüchtel und deren Tochter Florentina. Gemeinsam mit den Familien wurden verschiedene deutsche Städte erkundet. Anna erlebte zu Weihnachten in Dresden Striezelmarkt und Kreuzchor. "Weihnachten ist in Deutschland so schön. Du fühlst so viel in dieser Zeit", sagt Ana ergriffen. Adventsmärkte, Stollen kosten und Geschenke auspacken: In dieser Form erlebten beide Mädchen das Weihnachtsfest auf bisher ungekannte Art. Und was Ana und Anna hierzulande besonders schätzen lernten: Die Freiheit, die man Kindern und Jugendlichen zugesteht. Weder in den USA noch in Kolumbien dürften Minderjährige allein reisen und auch nicht ohne Erwachsene in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren - abgesehen vom Schulbus. Bus, Bahn und Straßenbahn seien sicher, und überhaupt könne man sich - vor allem als junge Frau - ohne Angst alleine in den Straßen und Städten bewegen, sagt die Südamerikanerin. Locker gehen deutsche Familien auch damit um, wenn die Tochter einen Freund mit nachHause bringt. "In Kolumbien kann ein Mädchen ihren Freund nicht mit in ihr Zimmer nehmen", verrät Ana.
Integriert in den Schulbetrieb und die Klassen wurden beide Mädchen von Anfang an. Nicht alle Fächer belegten die zwei "Zehntklässlerinnenauf Zeit", statt Physik jedoch verstärkt den Deutschunterricht. Dafür gibt Anna im Englisch-Unterricht Hilfe und Ana präsentierte in Spanisch in ihrer Sprache ihr Land und ihre Tradition. Schnell war auch klar, wo die Gäste ihre Stärken haben: Anna Kuebler ist eine super Volleyballerin. Derzeit stärkt sie das Team vom SV 04 Oberlosa. Und Anna, die auchhervorragend Salsa, Cumbia und Zamba tanzt, glänzte mit einem Gesangssolo zum Weihnachtskonzert der Schule.
Auch wenn es für Ana jetzt, und für Anna im Juli nach Hause geht, ist für beide klar: "Wir haben durch das Austauschjahr Freude aus vielen Ländern gefunden und können die ganze Welt besuchen."