Am (schönsten) Arsch der Welt

13 Häuser, 34 Einwohner, kein Handynetz - nur Natur und nette Menschen: Einer der kleinsten Orte Sachsens spielt die Hauptrolle in zwei Filmen, die im MDR über die Mattscheibe flimmern: Das vogtländische Sachsengrund in der Gemeinde Muldenhammer, an der Grenze zu Tschechien.

Muldenhammer/Sachsengrund -  "Eigentlich wollte ich in Halbemeile drehen, einem Ortsteil von Breitenbrunn im Erzgebirge", sagt der aus Plauen stammende Fernsehjournalist Martin Reißmann. "Aber der Ort mit vier Häusern ist total eingeschneit - die Leute wollten nicht."
Sachsengrund gehört zur Gemeinde Muldenhammer: Von Morgenröthe an der Bundesstraße 283 (dort wo Kosmonaut Sigmund Jähn aufgewachsen ist und die Raumfahrtschau steht) gelangt man über eine Stichstraße nach vier Kilometern in den etwa 750 Meter hoch gelegenen Ort nahe der Grenze zu Tschechien.
"Dort habe ich mich mit Revierförsterin Gabriele Thomae getroffen, die ihre Arbeit zeigt: Heu ausbringen zur Tierfütterung und Bäume markieren, die für den Holzverkauf gefällt werden", berichtet Reißmann.
Beim Aufenthalt in dem Waldtal der Großen Pyra hat er nach eigenem Bekunden verstanden, warum in der Abgeschiedenheit hier die Jahreszeiten intensiver auftreten und empfunden werden als anderswo: die Winter länger und der Frühling später, die Sommer nicht so warm und der Herbst stürmischer.
Die Revierförsterin habe Reißmann einen der ältesten Fichtenbestände Sachsens gezeigt, Bäume, die bis zu 230 Jahre alt sind. Gewundert habe er sich über Häuser aus den 1930-er Jahren, alle im gleichen Stil gebaut: "In den Zollhäusern wohnten Grenzsoldaten."
Die Siedlung Sachsengrund - in den Jahrhunderten auch mal "Saxengrund" oder "Sachßengrund" geschrieben - ist wahrscheinlich aus einem Hammerwerk für die nahen Eisensteingruben entstanden. "Die erste urkundliche Erwähnung stammt von 1664, als der Hammerherr zu Rautenkranz und Sachsengrund in Erscheinung trat. Wahrscheinlich unternahm er den Versuch, das nach dem Dreißigjährigen Krieg darniederliegende Werk wiederaufzubauen", berichtet Reißmann.
Eine Gaststätte hat der Ort nicht mehr - aber die Pension "Weidmannsheil" mit vier Zimmern. "Seit November ist wegen Corona geschlossen. Betreiberin Anja Meckel hofft natürlich, dass bald wieder Gäste einkehren."
Witzig findet Reißmann, dass es Zuzug nach Sachsengrund gibt - und das nicht zu knapp: "Ein Ärzte-Ehepaar hat sich angesiedelt, Leute aus Mönchengladbach, aus dem Odenwald und Baden-Württemberg zählen ebenfalls zu den neuen Einwohnern. Allen scheint die Abgeschiedenheit des Ortes zu gefallen - die Ruhe und Freiheit mitten in der Natur. So einen schönen Ort, sagt die Försterin, findest du heute nicht mehr."
Reißmann hat Sachsengrund durch Zufall auf Google Maps entdeckt - am Arsch der Welt, wie er sagt. "Am schönsten Arsch der Welt, hat mich Pensionsbetreiberin Frau Meckel korrigiert", erklärt der Filmemacher, der bei der Telefon-Recherche und dem Acht-Stunden-Dreh auch Annegret Jäschke kennengelernt hat: Sie ist Zeitungsausträgerin. Jeden Morgen, 5.30 Uhr, laufe sie zwei Kilometer, um die 17 Exemplare der Freien Presse und des Vogtland-Anzeigers zuzustellen.
"Sie ist übrigens die Mutter von Daniel Jäschke, der als Zwölfjähriger 1992 die Homepage über Sachsengrund ins Leben gerufen hat, als es das Internet noch gar nicht richtig gab. Die Seite macht bis heute Werbung für den Ort", sagt Reißmann, nach dessen Auskunft Daniel Jäschke mittlerweile die Filiale eines Elektronikmarktes in Baden-Württemberg leitet - nach Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und Jahren, in denen er weltweit unterwegs war.
Die beiden Teile von Reißmanns Sachsengrund-Reportage laufen heute und morgen in "MDR um 4" - jeweils in der Zeit von 16 bis 17.45 Uhr. ufa
www.sachsengrund.de