Am Ende steht das Vergessen

"Honig im Kopf" hatte am Freitag auf der Kleinen Bühne des Plauener Theaters Premiere. Die Tragikkomödie, zunächst als Film von Til Schweiger, wurde von einem kleinen Ensemble auf engem Raum gespielt.

Von Frank Blenz

Plauen Wie ist das, wenn man alles vergisst? Es ist, als hätte man Honig im Kopf. Der kleine Dialog zwischen Enkeltochter Tilda und Großvater Amandus nennt den Grund für das Geschehen, das sich den Besuchern im ausverkauften Saal der Kleinen Bühne binnen zweier Stunden eröffnet. Es ist eine Tragödie über eine Krankheit, die scheinbar unsere Zeit zunehmend in Beschlag nimmt: Alzheimer.
Großvater Amandus hat diese Krankheit. Für eine Weile hoffen die Anverwandten - Tilda und ihre Eltern - dass die Anzeichen zunehmender Vergesslichkeit, kleine und größere Ungeschicklichkeiten des alten Mannes, dass diese nur eine Phase und keine Gefahr darstellen. Doch die Krankheit nimmt Fahrt auf, die Ärzte raten zu einem Umzug ins Heim, dort würde dem Opa professionell geholfen.
Tilda, die junge, hippelige, wortreiche Göre, von Johanna Franke gespielt, will den drohenden Auszug, den Abschied, den Weg, der kein Zurück vorsieht, nicht akzeptieren. Sie kann wenig machen,doch sie kann ihren Rucksack packen, sie kann trotzig und stolz zu Opa - gespielt von Michael Schramm - sagen: Komm, auf nach Venedig.
Die Plauener Version der Geschichte von "Honig im Kopf" ist eine logistische Meisterleistung, Szene an Szene wird von den Schauspielern genau aneinander gepasst, die jeweilig benötigten Requisiten passend auf der Bühne platziert, die Auf - und Abgänge der Darsteller laufen wie am Schnürchen ab - wie nach der Uhr, die als großer Hingucker den Bühnenhintergrund bildet.
Das Firmament der Bühne ist ein gewölbtes Stahlgerüst, Gehirnverästelungen ähnelnd, an den Streben sind allerlei Gegenstände fixiert, scheinend Inventar des dementen alten Mannes, der die Welt bald verlassen wird, nicht ohne vorher noch mit der Enkeltochter in Venedig gewesen zu sein.
Das Publikum erlebt eine temporeiche Produktion (Regie Peer Palmowski). Es spürt bei den Szenen der Vergesslichkeit, den der Vor- und Unfälle, was Alzheimer mit einem macht, mit den Betroffenen vor allem.
Dass die Zuseher nicht zu sehen bekommen, wie es endet, wenn ein derart Erkrankter bis zu seinem Ende zu Hause bleibt und die Familie überfordert ist, oder wie es ihm dereinst im Heim geht, in dem vielleicht die Altenpfleger genau auf die Uhr schauen bei der Versorgung und die Einsamkeit zupackt wie ein Raubtier seine Beute - das belässt dem Stück das Heitere im Tragischen.
Heiter gerät "Honig im Kopf" in nicht wenigen Szenen wie der beim Arzt, als es um die Frage geht, wie es dem Opa denn heute geht. Herzerweichend rührt es an, wenn sich Opa und Enkelin, Mutter und Vater nach Streit und Verzweiflung nah sind und sich umarmen, sie finden zusammen in der Krise.
Dass es an spontan wirkender Slapstick fehlt, dass die Darsteller sehr in der Stückvorgabe eingebunden überaus diszipliniert wirken, hat zur Folge, dass die Lacher aus dem Publikum eher selten sind. Dass Tilda Opas Wunsch möglich macht, rührt umso mehr an und tröstet.
Die holprige Fahrt nach Venedig, die selbst gefährdete Stadt, zugleich ein Ort der Hoffnung, lässt angenehme Gefühle aufkommen. Die stehenden Ovationen nach dem Ende der Reise rühren alle Beteiligten.
Die Resonanz auf "Honig im Kopf" ist in Plauen überwältigend, wohl auch, weil die Kleine Bühne nach Modernisierungsarbeiten im Foyer wieder bespielbar ist.
"Wir sind selbst sehr überrascht und froh, dass alle unsere Vorstellungen ausverkauft sind", sagt Roland May, der Intendant bei seiner kurzen Publikumsbegrüßung. Er verspricht, dass "seine Damen in der Theaterverwaltung nach weiteren Terminen suchen werden."