Altschulden sind Hemmschuh

Von Renate Wöllner

Adorf Blumenrabatten und lebendige Farben leuchten rings um die Schillerstraße. Hier wird viel investiert, aber es könnte noch mehr sein.Geschäftsführer Kay Burmeister und Bürgermeister Rico Schmidt, beide SPD, empfingen in den Geschäftsräumen zum Wahlkampfgespräch.
Die Wohnungssituation im ländlichen Raum brennt auf den Nägeln. Der kommunale Vermieter gehört mit 386 Wohnungen zu den kleinen Betrieben, berichtete Burmeister. Betriebskosten und Instandhaltung stiegen gegenüber den Vorjahren um 25 beziehungsweise 10 Prozent.
Seit 2018 habe der Betrieb 40 Wohnungen saniert für rund eine Million Euro. Für die Tilgung der Altschulden aus Vorwendezeiten bringt die Wohnungsbaugesellschaft aktuell knapp eine Million Euro auf. "Das Geld könnten wir echt gut gebrauchen für weitere Investitionen. Da muss was passieren", sagt er. Bei Mietausfällen (5,8 Prozent) und der Fluktuation unter den vorwiegend älteren Mietern (9,3 Prozent) stehe man gut da.
Für Leerstandsquote von 8,6 Prozent habe man Blöcke abreißen müssen. Umdenken in der Bundespolitik fordert Burmeister angesichts von Leerstandsquoten von 15 bis 30 Prozent im ländlichen Raum. Mit Bauprojekten wie Dachsanierung und Innenbausbau der historischen Fronfeste geht es weiter. Im Remtengrüner Weg 31 betreibt die Wohnungsbaugesellschaft ein Forschungsprojekt mit der Fraunhofer Gesellschaft, das vom Bundeswirtschaftsministerium mit 162 800 Euro gefördert wird. Es geht um die energetische Sanierung mit neu entwickelten Komponenten.
Die Abrechnungsmodalitäten bereiten Burmeister Kopfzerbrechen. Bis Oktober muss das Projekt abgeschlossen sein. Gegenüber dem Rathaus in der Freiberger Straße 1 bis 5 werden Wohnungen modernisiert und Fassaden gestaltet. In Planung ist der barrierefrei Fahrstuhlanbau in der Schillerstraße 25 bis 31. Ohne Fördermittel sei das Vorhaben nicht zu stemmen.
Im Gegensatz zu anderen Kommunen wie zum Beispiel Klingenthal habe Adorf seinen Wohnungsbestand nicht verkauft. Als Wohnungsbaugesellschaft übernehme man in der Kleinstadt auch soziale und kulturelle Aufgaben. Burmeister verweist auf vielfältige Aktivitäten wie eine eigene Wohnungs-App, das Sommernachtskino, den Schülertreff im MAXX, einer ehemaligen Kneipe. "Die Schnapsflaschen haben wir vorher rausgeräumt", sagt der Bürgermeister.
Das Präventionsprojekt mit Christal Meth soll wieder aufgelegt werden. Das Drogenproblem im Vogtland an der Grenze zu Tschechien werde immer drängender, junge Leute würden schon an der Schule angesprochen. Die kommunalen WG verdienen mehr Unterstützung, meint Burmeister.
Lebhaft wird es beim Kunstprojekt mit Daniel Menz. Die WG hat Stelen des Holzkünstler im Stadtzentrum platziert, zum Anschauen oder Kaufen. Schreiner-Sohn Walter-Borjans, bisher als Steinbildhauer aktiv, verspürt Lust beim Holz mitzutun.
Die Regierung sieht der SPD-Chef im Zugzwang für einen solidarischen Altschuldenschnitt, um der Über- und Unterbeanspruchung von Wohnraum Grenzen zu setzen. CDU/CSU hätten sich bisher einer Regelung versperrt, sagt Walter-Borjans. Im Haus der Eltern seiner Lebensgefährtin Ingrid im erzgebirgischen Erlabrunn standen sechs von acht guten Wohnungen leer. In Köln würde man dafür 800 Meter Schlange stehen.
Der Wirtschafts- und Finanzfachmann hält es für "einen dummen Gedanken, Tafelsilber zu verscherbeln" - wie es in Dresden mit den kommunalen Wohnungen geschah - "die Lasten ist man nicht losgeworden, nur das Vermögen". Flächen sollten Kommunen nicht mehr abgeben. Womit macht man eine Region attraktiv? "Junge Leute befähigen, ihre Ideen umzusetzen", rät Walter-Borjans. 1971 sei er halbillegal als 18-Jähriger ins Vogtland gereist, im Kleine Grenzverkehr als "Cousin" eines Nachbarn, der aus Grünbach stammte. Die junge Frau, die ihn damals mit dem Moped kutschierte, habe er gestern angerufen.