Als Rammstein noch in Markneukirchen spielte

Leipzig/Erfurt - Rammstein ist für alle da, auch für dich! Deutschlands derzeit angesagteste Combo tourt durch Europa und macht und machte auch in unserer Region halt. Leipzig, Erfurt, München, Prag.

 

Die ersten Gigs liegen hinter dem Berliner Sextett. Die Heimspiele in der Hauptstadt liegen noch vor ihnen. Chemnitz und Dresden stehen im Februar an. Ein Mammutprogramm, was sich die Jungs da aufhalsen. Vor allem wenn man sie live sieht. Da geht die Post ab, da steppt der Bär. Bewegung, Bewegung, Bewegung.

 

Und das Tag für Tag. Wahnsinn. Eine Wahnsinns-Show. Doch dafür wurden sie schon geliebt, als sie noch in Markneukirchen im Schützenhaus spielten oder in Ebersbrunn im Löwen. Rammstein ist eine Show, eine perfekte Inszenierung.

 

Schwer zu sagen, was eigentlich der Haupt- und Höhepunkt ist an so einem Abend, wenn die Dramaturgie ohnehin gar nichts anderes kennt. Vielleicht gleich der Anfang, wenn sich die Musiker mit langstieligen Äxten durch die Bühnenwand zu den Fans durcharbeiten, die kurz darauf die Silben "Ramm" und "Stein" durch die Halle brüllen werden, als hinge davon ihr Leben ab, was es in diesem Augenblick ja auch tut. Oder das traurige, das wirklich tieftraurige Gesicht, das Sänger Till Lindemann zu seinem heftigen Kopfschütteln macht. Oder der Moment, in dem sich Keyboarder Flake Lorenz in eine Wanne legt, "in Salz und Eiter", wie die Menge weiß und Lindemann nicht singen darf, weil das betreffende Lied verboten ist, indiziert zum Schutz einer hier gar nicht anwesenden Jugend vor den Lockungen von Foltersex. Die deutschen Fans in Prag hatten Glück. Sie hörten die Zeilen. Tschechien ist ja nicht Deutschland.

 

Oder der, wenn Lorenz aus der Wanne aufersteht als Michael Jackson im Glitzerdress und den Moonwalk macht. Den Rest des Abends wird er auf einem Laufband verbringen; Rammstein macht schließlich Marschmusik. Immer in Bewegung, Bewegung, Bewegung. Oder der Schluss, wenn Sänger Lindemann als "Engel" zwischen zwei feuerspeienden Flügeln verglüht. Und Gott weiß, der will er gar nicht sein.

Gewaltverherrlichend seien das CD-Cover und das Stück "Ich tu dir weh". So begründete die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die Indizierung des Rammstein Albums "Liebe ist für alle da". Die Fans sehen es anders und sie sehen perfektionistisch durchchoreographierte Konzerte. Rammsteins waren immer schon spektakulärer, aufwendiger und unterhaltsamer als alles, was es sonst so gibt. Rammstein ist ein Phänomen, was im Grunde so nur bei den Böhsen Onkelz noch auftauchte. Auch die Ost-Berliner sind verhasst, verdammt, vergöttert. Ausverkaufte Hallen und Zusatzkonzerte, obwohl es die Tickets nur über die bandeigene Homepage gab.

 

Kollektiver Aufschrei bei den Texten, obwohl sie eigentlich nur das Sein dieser Welt besingen. Deutschtümelei wird Rammstein vorgeworfen, und zwar völlig zu Recht, nur: Nirgends werden sie dafür so geliebt wie in Tschechien, Frankreich oder Amerika und nirgends so gefürchtet wie in Deutschland. Das ist gewissermaßen die antinationalistische Pointe an Rammstein. Aber: Nationalistisch ist eher, wer das nicht akzeptieren kann. Und rechts sind sie nicht. Schließlich sangen sie schon vor Jahren "Links 2,3,4". Musikalisch der Höhepunkt des Abends. Fazit: "Fürchtet euch nicht!"