Als die Russen kamen

Ein falsches Wort - und das Leben entgleist, wie vor 75 Jahren: Der sowjetische Geheimdienst verschleppt Richter Dr. Tiefenbach nach einer Denunziation in ein Internierungslager. Nach sechs Wochen ist Tiefenbach zurück in Reichenbach. Aber er kommt nie wieder auf die Beine.

Reichenbach -  19. Juli 1945: Familie Tiefenbach sitzt in der Weststraße 10 mit den vier Kindern am Mittagstisch. Es klingelt, vor der Tür stehen zwei Uniformierte der Roten Armee - eine Frau und ein Soldat mit Gewehr: "Herr Tiefenbach? Mitkommen, nehmen Sie den Mantel mit."
Die Mutter ist stumm vor Angst, der 43-jährige Vater steht auf und tut, wie ihm geheißen. Er ahnt, wer ihn denunziert hat, ein Kommunist aus der Nachbarschaft: "Da wohnt noch ein Nazi, der stellvertretende Amtsgerichtsdirektor."
So erinnert sich die 81-jährige Tochter Maria Werner (damals 6). "Ich habe meinen Pudding vom Mittagstisch aufgehoben für Papa. Iss‘ endlich, sagte meine Mutter nach zwei Tagen."
Richter Dr. Marcel Tiefenbach gehört mit dem Reichenbacher Oberbürgermeister Dr. Otto Schreiber zu zehn Verhafteten, die in ein Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes kommen, nach Mühlberg an der Elbe.
Das Lager hatten bereits die Nazis als Kriegsgefangenenlager genutzt. Schreiber hatte die Stadt Reichenbach am 17. April den Amerikanern kampflos übergeben und damit vor der Zerstörung bewahrt; er überlebt Mühlberg nicht. "Unser Vater war nach sechs Wochen wieder zu Hause, aber er hat nichts erzählt, nur eine Sache, die ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat", berichtet Tochter Maria: "Er hatte Talent für Sprachen, konnte Englisch, Französisch, und Spanisch, Griechisch und Hebräisch, und er interessierte sich für viele andere wie Ungarisch, Dänisch, Schwedisch. Russisch hatte er sich selbst beigebracht. Und das hat einem russischen Offizier wohl imponiert."
Dr. Marcel Tiefenbach stammte aus Leipzig, seine Frau Freya aus Berlin. Sie heiraten 1933 - und ziehen wegen der Arbeit nach Reichenbach; hier werden ihre vier Kinder geboren. Die Mutter hat Orgel und Komposition studiert, ohne Abschluss. Sie war eine starke Frau, die "Seele" der Familie. Laut Tochter Maria sind die Eltern unpolitisch und weder für die Nazis, noch dagegen; der Vater habe sich nicht als Repräsentant des Systems gefühlt - und wird 1940 dennoch NSDAP-Mitglied: "Als Richter blieb ihm keine Wahl."
Nach Marias Worten ist der Vater im Gericht nur mit Scheidungssachen, Grundstücksangelegenheiten und dergleichen betraut, nicht mit Strafprozessen. Ihm fehle die nötige Härte, schreibt der Landgerichtspräsident 1942 über ihn.
Im gleichen Jahr wird Tiefenbach eingezogen - als Gefreiter kommt er 1943 an die Ostfront, nach Lettland. 1944 erhält er im Feld einen Brief aus Leipzig, in dem ein Freund um Hilfe bittet: Hans Birckner ist ebenfalls Jurist - und Halbjude. Er sucht für seine Mutter und seine Schwester Unterschlupf, um den Deportationen nach Auschwitz oder ein anderes Vernichtungslager zu entgehen. Die Judenvernichtung läuft auf vollen Touren.
Der Vater stimmt zu, instruiert seine Frau postalisch - und so wohnen beide Frauen ein paar Wochen mit in der Reichenbacher Wohnung der Tiefenbachs. "Klar, mein Vater wusste, dass sie Juden waren. Meine Mutter nicht - aber sie wird es geahnt haben", berichtet Tochter Maria. Ein paar Wochen habe keines der Kinder (Schul)Freunde zu Besuch haben dürfen. "Unsere Gäste hatten natürlich keine Lebensmittelkarten, und so haben wir sie miternährt. Sie durften sich nicht außerhalb der Wohnung zeigen und geschlafen haben sie in der Bodenkammer. Aus Angst haben sie ihre Straßensachen anbehalten."
Und wie ging es weiter mit ihnen? "Sie haben es dann in die Schweiz geschafft und dort überlebt."
Der Vater gerät 1945 in Tirol in US-amerikanische Gefangenschaft, erlebt das Kriegsende im berüchtigten Gefangenenlager Bad Kreuznach - und kehrt heim ins Vogtland. Dann kommt der 19. Juli 1945:
Gemäß Absprache der Sieger des Zweiten Weltkrieges rückt die Rote Armee am 1. Juli 1945 in Reichenbach ein und übernimmt die Militärverwaltung. Nach Maria Werners Erinnerung, sind die russischen Besatzungssoldaten lieb zu den Kindern. "Wir haben gewunken, unsere Mädchenzöpfe haben sie begeistert, wahrscheinlich haben sie Erinnerungen an Daheim geweckt."
Maria öffnet ahnungslos - zum Verdruss des Besitzers - den an der Schnapsfabrik klingelnden Soldaten, wo sie volle Flaschen unter dem Leergut finden. "Meine Brüder haben geholfen, ein entflohenes Schwein einzufangen. Dafür gab es ein dickes Butterbrot zur Belohnung. Wir haben gehungert."
Vater Tiefenbach darf nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Jetzt bittet er Freund Hans Birckner, nach dem Krieg Syndikus der Rasseverfolgten, um Unterstützung. Der bezeugt Tiefenbachs Hilfe im Krieg. Aber das nützt nichts, auch weil Birckner und seine Frau im Jahre 1946 sterben. Es bleibt dabei: Der Vater darf nicht zurück in seinen Beruf, wird - so erinnern sich die Kinder - als Nazischwein und Faschistenhund beschimpft. "Er hat zig Gesuche geschrieben - in eigener Sache und wegen der Kinder: Nur einer von uns durfte Abitur machen und studieren, obwohl wir alle gute Leistungen hatten. Er hat Schreiben verfasst an Justizministerin Hilde Benjamin, Staatspräsident Wilhelm Pieck, Bildungsministerin Margot Honecker - alle ohne Erfolg", sagt Tochter Maria, die heute in Meerane wohnt. "Vater wollte rehabilitiert werden, aber auch das wurde ihm verwehrt. Man bedeutete ihm: Er habe nur Juden gerettet - keine Widerstandskämpfer."
Vater Tiefenbach hat keine Wahl: Er verdingt sich als juristischer Hilfsarbeiter bei einem Rechtsbeistand, der selbst nicht studiert hatte. Das ist nach Meinung der Tochter so, als ob ein Arzt bei einer Krankenschwester arbeitet. "Später hat er in einem eigenen Schreibbüro Rentengesuche und solche Sachen aufgesetzt - für ein Trinkgeld oder fünf Eier. In Westdeutschland hätte er eine Beamtenpension erhalten."
Nach Einschätzung der Tochter hat der Vater die berufliche Schmach nie verwinden können. Er stirbt 73-jährig resigniert 1975 in Reichenbach.
Da ist seine Ehefrau bereits zehn Jahre tot: Freya Tiefenbach arbeitet nach dem Krieg aus Geldnot für einige Zeit in einer Sackfabrik - für eine Mark pro Stunde. "1949 erkrankt sie an Brustkrebs, 1964 an Unterleibskrebs, ein Jahr später lebt sie nicht mehr."
Und welches Schicksal nahm Fräulein Birkner? "Zu ihr, die 1944 bei uns gewohnt hatte, gab es erst 1967 wieder Kontakt: Mein Bruder Richard hat sie in Leipzig besucht, wo sie nach seinen Angaben äußerst ärmlich wohnte: Sie hatte kaum Möbel - und bekam keine Rente für Verfolgte des Naziregimes; sie war ja von uns, angeblichen Nazis, versteckt worden."
Maria Werner blickt ohne Verbitterung auf die Geschichte ihrer Familie. Nach ihren Angaben ist aus allen vier Kindern etwas geworden - trotz der Widrigkeiten und trotz der Tatsache, dass nur zwei Abitur machen und nur einer ein Hochschulstudium aufnehmen durfte:
Der inzwischen gestorbene Richard lernte Zimmermann und qualifizierte sich zum Bauingenieur; die ebenfalls nicht mehr lebende Gisela war als Erzieherin unglücklich, ging in den "Westen", nach Frankreich und London, und brachte es zur Fremdsprachenkorrespondentin der Deutschen Bank in München; Maria selbst konnte nach der Hochschulablehung nur an der Fachschule für Pharmazie studieren, arbeitete in einer Apotheke.
Und Wolfgang bewarb sich dreimal vergeblich für ein Physikstudium; er arbeitete als Hilfsarbeiter und wurde schließlich Lehrer für Russisch - und nach der Wende mehr oder weniger aus dem Schuldienst gedrängt. "Er wurde ein zweites Mal vom Wechsel der politischen Systeme bestraft", sagt die Schwester. Eine Rehabilitation blieb ihm trotz mehrerer Anträge versagt - genau wie unserem Vater", sagt Schwester Maria. ufa