Als der Beat ins Gotteshaus kam

Junge Leute, die in die Geschichte eintauchen, gibt es nicht allzu viele. Am Diesterweg-Gymnasium hat das aber Tradition - zum einen durch die rührige Heimatgeschichts-AG, zum zweiten aber durch die durchgeführten Pegasus-Projekte. In diesen "adoptieren" Jugendliche Denkmale, bringen diese auf Vordermann oder erforschen ihre Geschichte.

Von Ingo Eckardt

Plauen Am Mittwochabend wurde in der Markuskirche das neueste Pegasus-Projekt präsentiert. Im Namen der sechsköpfigen Projektgruppe, die unter Leitung von Geschichtslehrerin Kirsten Luban-Welsch stand, begrüßte Klara Herrmann die recht zahlreichen Gäste. Darunter waren als Vertreter der Stadt Plauen Stadtplaner Markus Löffler, Denkmalschützerin Dagmar Groß sowie Zeitzeugen, die noch selbst erlebt hatten, wie der Beat Ende der 60-er Jahre in die Kirche kam oder Ende der 80-er Jahre die Gruppe "Umdenken durch Nachdenken" mit begründeten.
Bronzeglocken für
Kriegsgerät eingeschmolzen

Gezeigt wurde eine Power-Point-Präsentation und es wurde eine 40-seitige Broschüre vorgestellt, die das Projekt für eine breite Öffentlichkeit abbilden soll. So widmete sich Theodora Borota der Historie der Markuskirche, die in ihrer heutigen äußeren Form Heinrich Adams Siegerentwurf aus 78 eingereichten Entwürfen darstellt. Im Oktober 1913 wurde das Gotteshaus geweiht, doch schon wenig später wurden die Bronze-Glocken für den Bau von Kriegsgerät eingeschmolzen. Nach Beschädigungen wurde die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg mühevoll wieder aufgebaut und später ein Gemeindesaal in die Kirche eingebaut. Der damalige Pfarrer Vödisch hatte die Idee, eine Zwischendecke einzuziehen und den Kirchenraum so zu unterteilen. So entstand ein Gemeindesaal mit immerhin 300 Plätzen. Dies war die Grundlage dafür, dass hier Ende der 60-er Jahre die so genannte Beat-Kirche entstand - unter Leitung des damaligen Diakons und späteren Michaelispfarrers Dietrich Greiner.
Luise Sonnenberg berichtete dann zu den Erkenntnissen der Schüler rund um die "Beatkirche" die ab 1966 junge, langhaarige Menschen, gekleidet zumeist in Jeans, zusammenführte, um gemeinsam Musik zu hören - und frei zu reden. Sie ordnete die Beat-Kirche in den historischen Kontext der damaligen DDR-Zeit ein, wo zu dieser Zeit immer stärker die Zügel angezogen wurden, um die Jugend zu disziplinieren.
Gemeinsam Musik
hören und frei reden

Während die ersten Beat-Abende mit Musik der Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan oder Steppenwolf ab Ende November 1966 noch im genannten Gemeindesaal durchgeführt wurden, zog man schon im März des Folgejahres in den großen Kirchenraum um, weil so viel Zulauf vorhanden war. Gefallen haben "die Langhaarigen" auch vielen Gemeindemitgliedern nicht wirklich, haben die Jugendlichen herausgefunden. Es gab Beat-Musik für eine gute Stunde und stets auch ein so genanntes "gutes Wort", also ein ein christlichen Input. Viele bezeichneten diesen Mittwoch als "Freiheit für einen Tag in der Woche", die schon bald durch einen privaten Treff bei Diakon Greiner in dessen Wohnung in der Helmut-Wehrl-Straße eine Erweiterung fand. Hier stand nun das offene Wort im Mittelpunkt. Diese Veranstaltungen waren dem Staat natürlich ein Dorn im Auge, so dass Teilnehmer teilweise in der Schule offen deswegen gemaßregelt wurden.
Teilnahme führt
sogar zu Schulrausschmiss

"Es gab sogar Schüler, die wegen der Teilnahme an den Treffen von der Erweiterten Oberschule (EOS) verwiesen wurden. Wolfgang Göpfert, damals Post-Lehrling, erinnerte sich in der Veranstaltung: "Ich sehe Herrn Greiner noch vor mir in seinem lila Pullover. Damals war ich zweimal zu den Veranstaltungen gegangen, dann hat uns der Chef unseres Wohnheimes, ein bornierter Kommunist, verboten, dort hin zu gehen."
Kirsten Luban-Welsch dankte während der Veranstaltung der Familie Greiner, für zur Verfügung gestellte Unterlagen aus der Zeit, tagebuchartige Aufzeichnungen und Notizen, Jugend-Äußerungen auf kleinen Zetteln, persönliche Briefe ehemaliger Teilnehmer, IM-Berichte, Stasiakten-Auszüge, persönliche Aufzeichnungen und sogar Briefe ehemaliger Stasi-Spitzel aus dieser Zeit.
Zum Schluss warf Julie Seidel einen Blick auf die Gruppe "Umdenken durch Nachdenken", die Ende 1988 gegründet wurde und die bei der Beobachtung der Auszählung der Wahlen am 7. Mai 1989 und in der zweimal durchgeführten Friedensandacht am 5. Oktober ihren Höhepunkt fand. Die Gruppe um Steffen Kollwitz und Klaus Hopf deckte damals massive Wahlfälschungen auf, die von vielen als Startschuss der friedlichen Revolution gedeutet wird.
Markus Löffler dankte im Namen der Stadt für die intensive Arbeit der Projektgruppe zum Stadtteil Haselbrunn, der in den nächsten Jahren spezielle Förderung erhalten soll.