Alle schauen hoch zum Turm

Das erlebt nicht jede Generation: Die Peter-Paul-Kirche in Reichenbach erhält neue Glocken. 2009 gab es erste Überlegungen, das Geläut zu erneuern. Jetzt geht es sehr schnell.

Reichenbach - Alle Blicke waren am Donnerstag nach oben gerichtet: Am großen Kran hängen die vier Glocken - nacheinander. Sie werden aus 30 Meter Höhe nach unten befördert.
Oben in der Glockenstube haben Nick Rieser und Rigo Rudel alle Hände voll zu tun: Die Männer einer Thüringer Spezialfirma und ihre Kollegen hatten seit Montag die Aktion vorbereitet. Der Läute-Mechanismus ist demontiert, der stählerne Glockenstuhl ebenfalls verschwunden, die vier Glocken stehen bereit - 0,4 bis 1,6 Tonnen schwer.
Die Männer haben im Inneren ein fünf Meter langes Gleis gebaut, auf dem ein flacher Schienenwagen rollt. Mit an den Dachbalken befestigten Kettenzügen werden die Glocken auf den Wagen gewuchtet - und zum Schallfenster gefahren. Hier übernimmt der Mobildrehkran - theoretisch: Doch bei der großen Glocke gibt es Probleme: Der Kranhaken droht, die Regenrinne abzureißen und damit das Kirchendachs zu beschädigen.
Die Männer probieren, beraten - und holen ihren Chef: Der 60-Jährige Christian Beck ist seit 30 Jahren im Geschäft, holt nach eigenen Worten jährlich bis zu 20 Glocken von Türmen und weiß auch diesmal Rat: Kommando zurück, Glocke auf dem Wagen neu positionieren und längere Hebebänder sind sein Rezept.
Dann schwebt die erste Glocke Richtung Erde. Sie war wie ihre beiden stählernen Schwestern 1950 in Morgenröthe gegossen und eingebaut worden - und ist nun verschlissen.
Alle drei werden im Kirchgarten auf- und ausgestellt. Die vierte Glocke aus Bronze (aus der Glockengießerei Franz Schilling Söhne in Apolda) wird aufgearbeitet und bildet mit zwei nagelneuen das künftige Geläut - an einem Glockenstuhl aus Eichenholz.
Wie Pfarrer Andreas Alders erklärt, hat das Holz deutlich bessere bauphysikalische Eigenschaften als Stahl, nimmt Schwingungen besser auf und schont damit die Gebäudehülle. "Diese ist aber an manchen Stellen bereits geschädigt, sodass Arbeiten am Turmmauerwerk gleich mit vorgenommen werden müssen."
Alders rechnet für die Gesamtbaumaßnahme mit 320.000 Euro an Kosten. "Dank großzügiger Förderungen durch Bund, Land, Stadt und Landeskirche verbleibt der Kirchgemeinde ein Eigenanteil von ca. 80.000 Euro. Auch diese wollen erst einmal aufgebracht sein."
Deswegen läuft schon länger eine Spendenaktion der Kirchgemeinde. "Jetzt, in der sogenannten ,heißen Phase‘ haben wir uns noch etwas Besonderes zur Finanzierung ausgedacht: Für das Jahr 2022 wird es einen ,Glockenkalender‘ geben", sagt Alders und erklärt:
Wer möchte, kann das dreimalige Geläut eines bestimmten Tages (7 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr) für sich persönlich erwerben oder jemandem schenken, zum Beispiel für einen Geburtstag. "Ein solches Tagesläuten verkaufen wir für 100 Euro; es gibt darüber ein Zertifikat und monatlich wird ein Kalender mit den Spendern bzw. Beschenkten veröffentlicht."
Und es gibt eine weitere Möglichkeit zu spenden - eine besondere Art: Wer schnell ist und sich vorstellen kann, eine der beiden neuen Glocken komplett zu finanzieren, kann dies bis Mitte Juli tun, damit sein Name direkt auf der Glockeninschrift vermerkt werden kann. Die A-Ton-Glocke kostet Alders zufolge etwa 12.000 Euro; die D-Ton-Glocke rund 31.000 Euro.
Die Glockenzier wird übrigens vom Adorfer Künstler-Ehepaar Andreas und Anke Rudloff gestaltet.

Der Zeitplan 2021

- Pfingstmontag, 24. Mai: Letztes Geläut der alten Glocken.
- Juni : Ein Provisorium wird im Kirchgarten aufgestellt. Ein einfacher Glockenstuhl mit einer Glocke wird den Dienst des täglichen Gebetsläutens sowie des gottesdienstlichen Läutens übernehmen.
- Juni: Einrüstung des Turmes, Rückbau des alten Glockenstuhles.
- 1. Juli: Abnahme der Glocken, Ausstellung im Kirchgarten.
- Juli: Entscheidung über Inschrift und Glockenzier der neuen Glocken.
- September: Guss der neuen Bronzeglocken in der Glockengießerei Graßmayr in Innsbruck.
- August/September: Neubau des Eichenholzglockenstuhles.
- September: Klangliche Abnahme des neuen D-Dur-Geläutes in Innsbruck.
- Oktober: Ankunft der Glocken in Reichenbach.
- Reformationsfest, 31.Oktober: Glockenweihe am Boden.
- November 2021: Einbau der Glocken in den neuen Glockenstuhl.
- 1. Advent, 28. November: Erstes Geläut