Alle Menschen werden Brüder

Plauen - Beethovens Neunte Sinfonie kam im Vogtlandtheater beim traditionellen Konzert zum Jahreswechsel zur Aufführung. Das Werk überwältigt das Publikum geradezu vor Schönheit und verkörpert den zeitlosen Wunsch nach einer besseren Welt.

 

Der eine Mensch steht mit seinen Kollegen auf der Bühne, der andere Mensch sitzt im Publikum. Lutz de Veer ist der Generalmusikdirektor (GMD) des Philharmonischen Orchesters Plauen-Zwickau. Waltraud Knorr ist eine langjährige Zuhörerin aus Plauen, besonders von klassischer Musik im Vogtlandtheater. Die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven steht auf dem Programm, ein passendes Stück zwischen Weihnachten und Neujahr, findet der GMD und Dirigent. Auch für Waltraud Knorr ist die Aufführung ein Pflichttermin: "Ich bin schon so oft zu einer Aufführung der Neunten gewesen, welch eine schöne Musik."

In den Gängen und Räumen hinter der Bühne herrscht eine spannungsgeladene Vorbereitungsatmosphäre. "Das Orchester, der Chor und die Solisten haben die Sinfonie sehr gut einstudiert, wir brauchten lediglich zwei Proben inklusive der Generalprobe", sagt der Dirigent froh, der in seinem Zimmerchen den Frack anzieht. Noch wenige Minuten sind es bis zum ersten Takt. Klar, dass er als "Neuer" in Plauen seine Lesart des Werkes mit den Musikern besprochen hat. Etwas akzentuierter da, etwas zurückhaltender dort, werde es klingen. "Beethovens Stück hat einfach was, ja, es besitzt richtig ?Drive?", meint der GMD lachend. Vor allem aber der philosophische Gehalt begeistere ihn.

"Wir leben in einer modernen, überaus medialen Welt. Es herrscht ein Gehetze, Leistungsdruck, ein Streben nach vorn, immer weiter", sinniert de Veer, dabei mit dem Taktstock leicht in die Luft Kreise zeichnend. Beethovens 9. Sinfonie dagegen verkörpere den Wunsch nach einer besseren Welt, nach dem Innehalten, nach dem Zusammenhalt und nicht den Gegenteilen dieser Dinge, findet de Veer. Die Gedanken kreisen prompt um die weltberühmten Worte "Freude, schöner Götterfunken?" von Friedrich Schiller.

Die letzte Durchsage aus den kleinen Lautsprechern in den Umkleidekabinen bittet das Ensemble zur Bühne. Die Sinfonie Nr. 9 gelingt dem Orchester, den Solisten und dem Chor prächtig. Waltraud Knorr lauscht wie die anderen festlich gekleideten Menschen im gut gefüllten Saal gerührt und bei den kraftvollen Passagen mitunter gar mitgehend. Manches Bein wippt, Finger tippen rhythmisch auf die Knie und ein Lächeln breitet sich aus beim Beobachten des Dirigenten. Lutz de Veer führt energisch, zuversichtlich, freundlich-motivierend den Taktstock. Mit der anderen Hand, mal zur Faust geballt, mal Richtungweisend ausgestreckt gibt er Zeichen - zum Innehalten, zum Lauterwerden. Das Orchester verschmilzt zu einer schönen Einheit, Streicher streicheln die Seele, die Bässe zupfen gekonnte Passagen, der Mann an den großen Trommeln thront fasst über dem Geschehen hinter den Blasinstrumenten. Vier Sätze verklingen bei an die 70 Minuten Werkdauer wie eine kurze Fahrt gen Paradies.

Im vierten Satz leitet Solist Shin Taniguchi, der Bass, mit seinem kraftvollen "O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere" den Chorgesang ein. Den Akteuren vom Opernchor, den Singakademien Plauen und Zwickau merkt man körperlich an, sie wollen im Finale endlich mitwirken nach drei Sätzen Zuhören und Warten auf die großen Momente. "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!", hallt es in den prächtigen Theatersaal.

Die weiteren Solisten Katrin Kapplusch, Nathalie Senf und Joshua Withener liefern sich mit Taniguchi auf dem mächtigen Stimmenfundament des Chores und dem optimistisch-vorantreibenden Spiel des Orchesters einen kurzen Schlagabtausch der Zitate und vokalen Feinheiten, hoch, mittig, tief und warm, voller Energie und Finesse.

Konzertbesucherin Knorr strahlt. Die Worte Schillers, in Beethovens Tönen verewigt, dringen ins Herz: "Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt; alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt." Die Plauenerin klatscht mit dem Publikum herzlich einen langen Applaus. Auf der Bühne schaut Lutz de Veer zufrieden und stolz aus, er nickt anerkennend zu seinem Orchester, den Solisten und dem großen Chor. "Ich muss gestehen, wunderbar. Immer wenn die Neunte auf dem Programm steht, muss ich hin. Ja, diese Musik wühlt mich auf und berührt", resümiert Waltraud Knorr, und de Veer würde dem zustimmen. Frank Blenz