Albrecht Müller: Wahlkampf-Chef für Willy in Plauen

Für die Lesung und Diskussion "Meinungsmache" mit dem Publizisten Albrecht Müller am Freitag  in der Galerie Forum K in Plauen hat unsere Zeitung einige Beiträge zur Vorbereitung und Einführung über die Arbeiten und Ideen des Journalisten, Medienkritikers, Bloggers und ehemaligen Bundestagsabgeordneten veröffentlicht.

 

Zur politischen Karriere gehört auch, dass Müller unmittelbar bundesrepublikanische Geschichte in den 1970er bis 1980er Jahren mitgeschrieben hat. Er war enger Freund und Berater der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Hier einige Erinnerungen.

Müller, Sozialdemokrat und studierter Soziologe, arbeitete bis 1969 für den Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller als Redenschreiber. Später kam Müller in die Wahlkampfleitung der SPD und nach erfolgreicher PR-Arbeit in die "Baracke" - die Zentrale der Partei, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Die Regierung Brandt hatte wegen ihrer Öffnungspolitik gen Osten trotz gewonnenem Misstrauensvotums Ende April 1972 keine Mehrheit, erinnert sich der Politprofi.

"Den Wahlkampf habe ich mit meinen Mitarbeitern im Sommer 1972 geplant und umgesetzt. Es war spannend. Millionen von Menschen beteiligten sich an den Debatten. Sie schmückten ihre Autos mit Aufklebern, sie trugen Buttons "Willy wählen", wildfremde Menschen diskutierten miteinander. Entscheidend war neben Brandt, der neuen Ost- und der Reformpolitik, die zu Gunsten der Mehrheit des Volkes betrieben wurde, auch die offene Auseinandersetzung mit dem ?Großen Geld?", so Müller. "Wir haben die politischen Gegner der Union gefragt, was sie politisch für die finanzielle und publizistische Unterstützung durch Wirtschaft und Hintermänner bezahlt hätten. Die Offenheit beeindruckte. Die SPD hatte am 19. November 1972 ihr bestes Ergebnis einer Bundestagswahl: 45,8 Prozent der Zweitstimmen."

"Nach dem Wahlkampf durfte ich mir bei Willy Brandt, mit dem mich eine tiefe Freundschaft und großes Einverständnis bei nahezu allen politischen Fragen verbunden hat, wünschen, was ich weiter tun wolle. Zurück in die Sacharbeit hieß das, die Leitung der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt übernehmen. Ich wurde mit der Koordination der Arbeit der Bundesregierung, des Kanzleramtes und der Ministerien betraut. Es lag in meiner Verantwortung, mit dem Mitarbeiterstab Probleme aufzuspüren und an Lösungen zu arbeiten."

1973 zur ersten Ölpreiskrise kam es zu einer gewaltigen Erhöhung des Ölpreises. "Wir reagierten mit einem Energiesparprogramm. 1973/74 haben wir uns zu den morgendlichen Lagebesprechungen im Kanzleramt sehr oft mit dem Verhältnis der BRD zur DDR beschäftigt, weil in dieser Phase Konflikte aufbrachen, von Politikern wie von Medien angeheizt."

Im Mai ?74 wurde Brandt von Helmut Schmidt abgelöst. Äußerer Anlass: Die Entdeckung des Spions Günter Guillaume. "Mit ihm hatte ich es häufig zu tun. Er war für die Verbindungen zur Partei des Bundeskanzlers, zur SPD, zuständig. Inhaltlich passten wir nicht zusammen. Guillaume gab sich als äußerst konservativer Sozialdemokrat." "1978 hab ich Helmut Schmidt davon überzeugt, dass es falsch wäre, wenn die Regierung öffentliches Geld für die Vermehrung von Fernsehprogrammen über Verkabelung und Satellitenfernsehen ausgeben würde und damit die Kommerzialisierung des Fernsehens und des Hörfunks möglich machen würde. Schmidt hat zur Verdeutlichung des Problems damals einen Fernsehfreien Tag vorgeschlagen. Er hat diese Linie bis zu seiner Ablösung im Herbst 1982 durchgehalten.

 

Unser Land wäre heute um vieles besser dran, wenn diese Kommerzialisierung dann unter Kohl nicht betrieben worden wäre. Es gäbe mehr Kommunikation in den Familien, die Verblödung wäre geringer als heute und das öffentlich-rechtliche Fernsehen wäre besser, weil es sich der Konkurrenz mit der Qualitätsspirale nach unten nicht hätte anpassen müssen", zieht Müller ein nüchternes Fazit.  Frank Blenz