Afghanistan: Einsatz unter Gefahr für Leib und Leben

 

Plauen - Wenn Uwe H. morgens munter wird, hat die Sonne den Platz vorm Zelt schon fest im Griff. Die Hitze auf die er gleich stoßen wird, kann er fühlen. Der Spalt am Eingang reicht gerade mal bis hinüber zu den Schutzwällen. Die ersten Blicke auf den neuen Tag verbinden sich mit den immer gleichen Geräuschen.

Dem Brummen der startenden und landenden Hubschrauber, einzelnen Schüssen, fernen Detonationen. Im Lager riecht es nach Sprit und überall riecht es nach Müllhalde. Ein penetranter Geruch, der sich in die Luft und die Nase bohrt. Jeden Tag, den der Oberfeldwebel von April bis Oktober 2009 im afghanischen Norden verbringt. Wir kennen die Bilder aus dem Fernsehen, wenn sich Politiker, allesamt selbst ernannte Afghanistankenner, im Lager Kunduz zum Shake Hands mit der Truppe treffen. Uwe kennt andere Bilder. Doch dazu später.

Zunächst einmal: Der 31-jährige Plauener, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist ein Held. Dass das viele Menschen in seiner Heimat anders sehen, weiß er. Im März dieses Jahres erhielt er die zweithöchste militärische Auszeichnung. Das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold mit rotem Rand. Die Urkunde unterschrieben von Verteidigungsminister zu Guttenberg, den Orden überreicht von seinem Brigadegeneral, in Anwesenheit von Innenminister Volker Bouffier, denn Uwes Kaserne liegt im hessischen Schwarzenborn.

Einsatz in Spezialeinheit Die Begründung militärisch knapp: "Für eine hervorragende Einzeltat soldatischer Pflichterfüllung, unter Gefahr für Leib und Leben." Was genau genommen gar nicht stimmt, denn Uwe vollbrachte keine "Einzeltat" sondern welche im Dutzend. Das zu erfahren, dauert ein Stück, denn allzugern "auf die Kacke hauen" mit seinen Verdiensten ist nicht unbedingt Sache des "Oberfeld".

In den Einsatz am Hindukusch wurde Uwe als Scharfschützentruppführer geschickt. Doch dann wurde der Zugführer seines Infanteriezuges im Gefecht verwundet, sein Stellvertreter mit psychischen Problemen in die Heimat ausgeflogen. "Nach der Führungshierarchie war ich der nächste", begründet er, weshalb er ab August drei Monate den Zug führen musste, ohne wirklich dafür ausgebildet zu sein.

Zugführer im beschaulichen Schwarzenborn, hinter den Kasernenmauern eines Jägerbataillons, ist das eine. Als Chef von bis zu 50 Kameraden ins Gefecht zu gehen, das andere. Dass vieles, von dem Uwe erzählt, nicht mal in einer Regionalzeitung, Tausende Kilometer von Afghanistan entfernt, stehen darf, erwähnt er mehrmals. Denn er diente in einer Spezialeinheit, der Quick Reaction Force (QRF) im Raum Kunduz. Deren Aufgabe: Patrouillenfahrten, Schutz und Entsatz. Letzteres klingt harmlos, ist aber das genaue Gegenteil. "Wenn eigene Leute oder auch Soldaten anderer Nationen, in Not geraten, haben wir sie da rauszuboxen." Wie genau man sich das vorstellen muss - kein Kommentar. "Vergessen kann man nichts", sagt Uwe lakonisch.

Und viele halten den Dauerstress auch nicht durch. Hitze, Staub, Dreck, Feinddruck, die Freunde weit weg in Deutschland, das setzt mental zu. "Am schlimmsten aber sind die Hinterhalte, in die du jeden Moment geraten kannst", ergänzt er. Uwe ist keiner von den Abgebrühten. Dass er im März "nur" eine vierwöchige Präventivkur brauchte, um wieder "runterzukommen", hat vermutlich private Gründe.

Wenn sich die Psyche quer stellt

Kurz vor dem Einsatz lernte er seine Freundin kennen, die Beziehung hielt, wurde noch stabiler, wie er sagt. Dieses Glück haben viele nicht. Und wenn die Partnerschaft den Bach runter geht, stellt sich bei 50 Grad im Schatten, extremer Luftfeuchtigkeit, Feindbeschuss und immer den gleichen Gesichtern die Psyche quer. "Die Trennungsquote ist hoch", weiß Uwe. In seinem direkten Umfeld mussten sie keine Toten beklagen, es blieb zum Glück bei vier Verwundeten. Alle sind heute wieder wohlauf. Andere Einheiten hatten da weniger Glück, allein während seiner Zeit in Kunduz fielen vier Kameraden, unzählige wurden verwundet. Mal ein im Fahrzeug stecken gebliebener Gefechtskopf einer Panzerfaust, okay. Kein großes Ding, wenn man damit lebt, ständig unter Raketenbeschuss zu geraten. "Da ist man richtig sauer, dass dir da einer das Leben nehmen will".

Und das klingt für einen Zivilisten schon fast lustig. Sowieso mache man sich über die Angehörigen fast noch mehr Sorgen. "Denn die erfahren aus der Zeitung von den Toten. Mehr kaum. Wir wissen wenigstens, dass es uns nicht erwischt hat." Und nach den vielen intensiven Gefechten, Raketenbeschuss und Sprengfallen ist man dankbar, zu den Unversehrten zu gehören.

Tote im Internet verspottet Nicht erst als er zurück war kennt und hört er sie, die "Raus aus Afghanistan"-Rufe auf Demos und in Talk-Shows. "Enttäuschend" empfindet er sie. "Wenn ein Volk eine Regierung wählt, die diesen Kurs für richtig hält, dann sollte sich dieses Volk auch hinter seine Regierung stellen", argumentiert er. Richtig sauer aber ist Uwe, dass es im Netz eine Internet-Seite gibt, die sich über Gefallene lustig macht, sie verhöhnt und verspottet. Dass er in der Heimat von manchem als Trottel hingestellt werde, dem es nur um die Knete gehe. "Glaubs oder nicht, da unten denkt man nicht ans Geld. Es ist ein positiver Nebeneffekt wenn du zurückkommst."

Apropos Zeit. "Man zählt die Wochen nicht, die Zeit vergeht deutlich schneller als zu Hause, auch wenn du wenig Schlaf hast." Und den gibt?s in der Regel in Grammtüten. Fester Tagesablauf Fehlanzeige. Jeder Tag ist anders, wenn man mal davon absieht, immer die gleichen Kameraden im Zehn-Mann-Zelt zu sehen, nicht die kleinste Ecke Privatsphäre zu haben. Und selbst das ist noch das kleinere Übel.

Richtig frei hat man nie Stehen Patrouillenfahrten an, beginnt der Tag vier Uhr früh, manchmal eher. Befehlsausgabe, Marsch in den sogenannten Verfügungsraum. Von da auf Suche nach versteckten Sprengladungen der Taliban, echten oder improvisierten. Abend zurück in den Verfügungsraum, natürlich nicht in den vom Morgen. Die Taliban sind ja nicht blöd. Vier, fünf Tage kann das dauern, die Verpflegung immer am Mann. Braucht ein Soldat mindestens zehn Liter Wasser am Tag, rechnet sich das locker auf 400 Flaschen hoch, dazu die Verpflegung, die Munition.

Und das Lagerleben samt dem sprichwörtlichen Koller? "Richtig frei hast du nie, kein Wochenende, nichts. Frei bedeutet auf Reserve, Waffe und Schutzweste im Blickfeld." Internet, Telefonieren, Feierabend-Bier? "Zwei Dosen nach 20 Uhr, aber die wenigsten machen davon Gebrauch", sagt Uwe. Internetsurfen und in die Heimat telefonieren ist theoretisch jeden Tag möglich, aber eben auch teuer. Noch blöder, dass die Leitungen von iranischen Anbietern stammen, die jedes Wort mithören können. "Du kannst deiner Freundin also maximal sagen, dass man die nächste Zeit nichts voneinander hören wird, aber nicht, wohin du in den Einsatz gehst."

 

Der im Herbst war Uwes dritter Auslandseinsatz. 2001 und 2007 war er im Kosovo. "Lässt sich mit Afghanistan nicht vergleichen. Im Kosovo sind wir mit ungepanzerten Fahrzeugen zu den Leuten in die Dörfer gefahren. Das war vor drei Jahren aber auch in Afghanistan noch möglich. Jetzt rollen da voll gepanzerte Fahrzeuge mit zwei Infanterieeinheiten rein." Nicht, weil die Deutschen sich besonders unbeliebt gemacht hätten, sondern weil die Taliban mehr Druck auf die Dorfältesten ausüben. "Stellst du dich zu gut mit den Ausländern, ist eine Hand schnell abgehackt." Gespräche gibt?s immer noch, aber die Bevölkerung sei einfach schlechter einzuschätzen. Einheimische dienen als Übersetzer, an einen mit sächsischem Dialekt, der in Leipzig studiert hat, kann sich Uwe besonders gut erinnern.

DSDS sind deutsche Probleme Den umgekehrten Kulturschock bei seiner Rückkehr, fasst er in einem Satz zusammen: "DSDS sind die Probleme des deutschen Volkes." 2012 läuft seine Verpflichtungszeit aus. Uwe will weitermachen. Den Antrag für die Berufssoldaten-Laufbahn hat er gestellt. Mit dem Orden als "Argument" rechnet er sich gute Chancen aus. Und auf die baldige Beförderung zum Hauptfeldwebel hofft er auch. Dann könnte er nach entsprechender Weiterbildung ganz regulär einen Zug führen. Seit zehn Jahren ist er nun beim Bund, etwas anderes als die Infanterie könne er sich nicht vorstellen. "Bloß im Einsatz ärgert man sich immer wieder", grinst er.

Eine Stunde haben wir uns unterhalten. Viel zu kurz, um einen Menschen kennenzulernen. Uwe mit den schon weniger werdenden kurzen Haaren und den militärisch knappen Sätzen, über die er nachdenkt, bevor er sie ausspricht, scheint kein Haudrauf. Er hält seinen Einsatz für richtig, klar. "Wer keine Angst hat ist stumpf und kaputt. Ich hatte fast täglich Angst", sagt er nachdenklich. Meine Kollegin schwärmt von ihm als Super-Kumpel.

 

Von Torsten Piontkowski