Abreißen oder erhalten?

Das einstige Kreiskulturhaus an der Adolf-Damaschke-Straße hat die Stadt Oelsnitz für 72.000 Euro von der Schützenhaus GmbH aus Leipzig gekauft. Vorausgegangen war der einstimmige Kaufbeschluss im Stadtrat.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz - Notartermin war am 19. Dezember, gab Oberbürgermeister Mario Horn Auskunft. Die beiden erworbenen Flurstücke umfassen rund 4000 Quadratmeter Fläche. Das in der DDR umgebaute Gebäude war 1901 als neues "Schützenhaus" mit Gaststättenlizenz eröffnet worden.
Was hat die Stadt damit vor? Über Pläne, das Haus abzureißen und an seiner Stelle einen Parkplatz für die anliegenden Sportstätten zu schaffen, sprachen Horn und Stadtbaumeisterin Kerstin Zollfrank schon vor einem Jahr.
Doch damals galt es, zunächst die Eigentumsfrage zu lösen. Der Abriss stand auch in der Dezembersitzung des Stadtrats im Raum. "Mir ist es wichtig, dass der Schandfleck wegkommt", meinte Ulrich Lupart (AfD).
Andere Position bezog Klaus Schumann (Die Linke). "Es war ein Riesenfehler, das Ding zu verkaufen", kommentierte er die Veräußerung des Gebäudes aus städtischem Eigentum an die Frank&Rischow GmbH mit der nachfolgenden Nutzungsänderung zu Diskothek und Tanzlokal, für die 1993 der Bauantrag gestellt wurde (Quelle: Stadtarchiv).
Mit Theatersaal und Theater-Gaststätte hatte das Kreiskulturhaus nicht nur den Oelsnitzern ein kulturelles Angebot unterbreitet, wie man es heute in der Stadt nicht mehr findet. "Muss das Haus abgerissen werden oder kann man es doch wieder herrichten?", fragte Schumann.
Die Hoffnung dämpfte Horn sofort: "Das gesamte Innere ist (durch Vandalismus) ausgeschlachtet. Wer soll das bezahlen?", erklärte er. Eine Seite der Decke sei bereits eingestürzt, informierte Lupart. Die Stadtbaumeisterin sah erheblichen Sanierungsbedarf und mahnte eine Frage an: "Wer betreibt es? Die Verwaltung ist damit überfordert."
Mit einem möglichen Beschluss zum Abriss des Schützenhauses wolle man sich Zeit lassen. "Wir streben eine nachhaltige Lösung an in Abstimmung mit den benachbarten Sportstätten", sagte Horn auf Anfrage. Das neue Sportstättenkonzept soll Entwicklungsmöglichkeiten unter anderem für Vogtlandsporthalle, Dreifeldsporthalle und Stadion aufzeigen. Es wurde dem Stadtrat im nichtöffentlichen Sitzungsteil vorgestellt. Der öffentliche Beschluss ist im Stadtrat am 25. März geplant.
Für das Gebäude im Stil des Historismus wurde im Mai 1900 der Grundstein gelegt - nachdem der Vorgängerbau gebrannt hatte (Quelle: www.altes-oelsnitz.de "Historische Gaststätten von Oelsnitz/V.") Mit dem Umbau des großen Saals im "Volkshaus" zum Theatersaal mit Bühne und Zuschauerrampe in der Planung des Architekten Horst Roscher veränderte sich in den 50er Jahren auch das äußere Bild. Die großen Fenster im Mittelteil der wilhelminischen Gründerzeit-Fassade wurden zugemauert. 1957 entsteht im Parterre das Theaterrestaurant.
Die Aktenlage von Anfang der 60er Jahre verrät großen Sanierungsbedarf an Dach und Installation. 1966 beauftragte der Rat des Kreises, Abteilung Kultur, den Oelsnitzer Architekten Dietrich Wöllner mit Außengestaltung und Innenausbau des alten Gebäudes, das seit 1965 Kreiskulturhaus heißt. In der Bauphase 1967/68 werden Risse und Ausbesserungen an der Fassade mit der bis heute prägenden Strukturwand verblendet, welche im Ziegelmauerwerk verankert wird. Der Eingang muss nach rechts verlegt werden. Das Interieur wird völlig neu gestaltet, eine Bar eingebaut. Der Theatersaal erhält eine Seitenbühne. Lothar Lukat projektiert den zweiten Bauabschnitt, den Anbau eines Seitenflügels für Zirkelräume und Personalwohnungen für einen späteren Zeitpunkt - der nicht kommt. Beide Planer leisten Hunderte Stunden im Nationalen Aufbauwerk. Es gibt keinen Generalauftragnehmer. Genossenschaftliche und private Handwerker, so die Lehrlingsbrigade des Kreisbaubetriebs mit Meister Walter Strobel, vollbringen Kraftakte, wie sich Wöllner, inzwischen 83 Jahre alt, erinnert. Doch der Umbau - für den der Kreis Oelsnitz die damals beträchtliche Summe von 330.000 Mark eingeplant hatte, lohnt sich.
Bei Festveranstaltungen, Jugendweihefeiern, Theateraufführungen, flankiert vom gastronomischen Angebot der HO, wird das Haus zum kulturellen Zentrum. Demnächst will OB Horn die Stadträte zu einer Begehung des Schützenhauses einladen, das seit 1993 diesen Namen wieder trägt.

Weitere Quellen: Freie Presse, 23. März 1997 "Vom Lippenspitzen kommt kein Lied"; Heimatzeitung "Neues Vogtland", Januar 1967, Seite 3.