Ab nach Sibirien

Eine Gedenktafel am Rathaus Reichenbach erinnert an 120 Jugendliche, die hier 1945 inhaftiert waren. Alle sind 15 oder 16 Jahre alt und werden der sowjetischen Geheimpolizei übergeben. Oft kehren sie erst Jahre später nach Hause zurück - wenn sie überleben.

Reichenbach/Friesen - Die Kindheit des 16-jährigen Elektriker-Lehrlings Wilmar Leber endet am 21. September 1945, 17 Uhr. "Zum Feierabend in der Firma sagte die Meisterin, ich soll zur Polizei kommen, um in der Kommandantur ein Zimmer umräumen."
Zwei Polizisten eskortieren Leber und ein halbes Dutzend Burschen, alle Jahrgang 1929, zur sowjetischen Kommandantur. Die Rote Armee hatte am 1. Juli die US-Amerikaner als Besatzungsmacht im Vogtland abgelöst - auch in Reichenbach.
"Wir kamen für Tage ins Gefängnis: sieben in eine Drei-Mann-Zelle. Erst Ende September wurde ich zum Verhör geholt. Zuvor musste ich stundenlang in einer Gartenlaube warten - und klapperte in kurzen Hosen bei Schnee-Regen."
Leber und alle anderen Jungs waren einige Monate zuvor, kurz vor Kriegsende, im Wehrertüchtigungslager der Hitler-Jugend gewesen. "Jetzt beschuldigte uns der russische Geheimdienst-Offizier, Werwölfe zu sein. Das stimmte nicht. Keiner von uns gehörte zu dieser Partisanenorganisation, die Anschläge verüben sollte."
Er sei nicht geschlagen worden, doch aus Angst habe er das auf Russisch verfasste Protokoll unterschrieben, berichtet Leber. "Ich wusste nicht, was dort stand. Aber ich hätte alles unterschrieben."
Die nächste Zeit lernen Leber und seine Schicksalsgefährten das Gefängnis in Plauen kennen und die Gefängniskirche in Zwickau, in der Nähe des Schwanenteiches. "Wir lagen auf der Erde. Die am Eingang hatten Pech: Dort standen drei Kübel für die Notdurft, die zuweilen überliefen."
Busse bringen die Jungs am 15. Oktober nach Mühlberg an der Elbe, in ein Speziallager mit Tausenden Insassen, das bereits die Nazis für Kriegsgefangene genutzt hatten. "Wir wurden auf die Baracken verteilt: 250 Mann, dann ein Waschraum - und wieder 250 Mann."
Eine schlimme Zeit beginnt - von der Außenwelt abgeschnitten, in Ungewissheit über das weitere Schicksal und unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen. Manchmal wird Leber zum Holz holen eingeteilt: Bäume fällen für die Bäckerei/Küche.
Doch am schlimmsten ist der Hunger. "Morgens bekamen wir Pülpe, Reste der Stärkegewinnung aus dem Werk in Riesa. Auf einem Schild an den Säcken stand: ,Streng verboten für die menschliche Ernährung!‘"
Ein Kompanieführer bewahrt manchen Jugendlichen vor kräftezehrenden Arbeiten und sorgt vor allem für mehr Essen. "Wie? Wir haben vogtländische Lieder geschmettert und das kam gut an bei der Lagerführung."
Dennoch: Nicht lange und der 1,75 Meter große Leber wiegt nur noch 85 Pfund. "Ein Kamerad brachte mich in der Küche als Kesselputzer unter. Sonst gehst du kaputt, hat er gesagt. So konnte ich mich auf 125 Pfund ,hochfuttern‘"
Eines Tages müssen sich alle nackt aufstellen. "Die russische Ärztin prüfte mit zwei Fingern am Hintern unseren Zustand. Ich wurde mit Hunderten einem Pelzmützentransport nach Sibirien zugeteilt."
Die "Reise" beginnt am 8. Februar 1947: Immer drei Dutzend in einem Güterwaggon, fünf Wochen, 4700 Kilometer bis zum Gulag-Straflager 7503/11 Anscherka-Sudschansk im Verwaltungsbezirk Kemerowo.
Leber schuftet im Steinkohlenbergwerk: Er zerrt und wuchtet halbe Baumstämme an die Abbaustrecken, wo sie so verbaut werden, damit die Gänge nicht einstürzen. "Manchmal kam ich nur im Liegen vorwärts."
Im Sommer 50 Grad Hitze, im Winter 50 Grad Kälte. "Bevor es richtig fror, gab es Schlamm ohne Ende - und wir mussten Autos anschieben, die in den Schlaglöchern stecken geblieben waren. Da fragt keiner, wie du die Stiefel wieder trocken bringst."
Im ersten Jahr gibt es keinen freien Tag, später verbessert sich sogar das Essen: "Mit uns mussten japanische Kriegsgefangene schuften. Sie erhielten monatlich eine Reislieferung aus ihrem Heimatland - und sie verschenkten ihr Brot an uns."
Das Duschen habe leidlich geklappt; zuweilen sei das Wasser kalt gewesen - wenn ein Stinkstiefel von Maschinist Dienst getan habe.
Bei der Arbeit im Stollen verletzt sich Leber mit einem Beil an der linken Hand. "Weil die Wunde bis auf den Knochen ging, wurde ich von den Arbeiten im Schacht freigestellt und kam zum Putzen in die Bäckerei des Lagers. Dort gab es manchmal Kuchenränder..."
Damit die Wunde nicht so schnell heilt, zieht sie Leber auf und klappt sie wieder zu, damit er länger krank machen kann. "Aber ewig ging das nicht. Sonst musste der Arzt mit in den Schacht, und das wollte ich nicht: Das war ein prima Kerl."
Im Mai 1948 darf Leber das erste und einzige Mal während der Haft einen Brief an die Eltern schreiben. "Die Freude war riesig, als ich eine Antwort aus Friesen bekam."
Leber wird dann beim Betonieren eines Garagenkomplexes eingesetzt und Anfang 1949 nach Stalinsk verlegt, wo er an einem Wasserkraftwerk mitbaut. "Etwa ein Jahr später wurden wir Häftlinge per Zug nach Brest-Litowsk gefahren, an die Westgrenze der Sowjetunion - in Richtung Deutschland. Jetzt ging es los, nachdem hunderte Male falsche Gerüchte und Scheißhausparolen die Runde gemacht hatten."
Allerdings ist in Brest-Litowsk wieder Warten angesagt. Leber und Seinesgleichen werden nur benötigt, um andere Transporte in Richtung Deutschland aufzufüllen, damit die Zahlen stimmen wegen der hohen Sterberaten. Doch endlich, endlich beginnt die Fahrt in die Heimat. "Als ich fort bin, war meine Mutter noch nicht grau. Als ich am 4. Mai 1950, nach mehr als vier Jahren und acht Monaten nach Hause kam, war sie weiß."
Der Konfirmanden-Anzug von 1943 passt Leber noch - sieben Jahre später. Das Arbeitsamt will ihn in den Uranbergbau nach Aue schicken. Entschieden wehrt er sich. "Ich gehe in keinen Schacht", sagt er. Er beendet seine Lehre und wechselt ins Transformatorenwerk Reichenbach. Dort findet er eine liebe Frau und wird Vater eines guten Jungen. Doch in der DDR spricht er nicht über seine Erlebnisse. "Aus Vorsicht."
Doch einmal platzt ihm der Kragen. "In Vorbereitung der Weltfestspiele 1952 sollte ich einen Vortrag über die Sowjetunion halten, weil ich doch dort war, wie der FDJ-Sekretär meinte. Soll ich die Wahrheit sagen oder lügen?, fragte ich."
Ebensol wehrt er sich, in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft einzutreten - auch wenn dadurch die Prämie für seine Brigade gefährdet ist.
Erst nach der politischen Wende können Leber und seine Leidensgenossen über ihr Schicksal sprechen - auch in der Schule seines Enkels, dem Reichenbacher Goethe-Gymnasium. "Die Schüler waren so aufmerksam, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören."
Leber gehört zu den Gründern der Bezirksgruppe Reichenbach der "Vereinigung der Opfer des Stalinismus" (VOS). Wenn die Gesundheit mitspielt fährt er zu den Jahrestreffen nach Mühlberg. "Mir kommen die Tränen, wenn ich das Lagergelände betrete", sagt der 91-Jährige, der sich ob seiner Erlebnisse als harter Hund bezeichnet. "Aber ich schäme mich nicht meiner Tränen." ufa