65 Jahre im Dienste des Herrn

60 Jahre und kein bisschen weise… So sang es einmal der Schauspieler Curd Jürgens. Umgemünzt auf Pfarrer Ferdinand Kohl von der katholischen Kirchgemeinde Klingenthal könnte man sagen: 65 Jahre im Dienst und fit wie ein Turnschuh, denn am heutigen Freitag sind es auf den Tag genau 65 Jahre her, dass er seine Priesterweihe im Dom zu Bautzen empfing. Und bis heute hat er reichlich zu tun.

Von Helmut Schlangstedt

Geboren wurde Ferdinand Kohl am 26. Februar in 1920 Lindenau im Landkreis Eger im heutigen Tschechien. Durch Vertreibung nach dem Krieg gelangte die Familie nach Zeitz, wo Ferdinand 1950 sein Abitur ablegte. Mit dem Pass eines anderen Kaplans gelangte er in den Westen und studierte in Königstein/Ts. und München Theologie, weil dies in der DDR damals nicht möglich war. 1953 kehrte er auch wegen seiner Eltern und aus Verantwortung für die vielen Gläubigen in die DDR zurück, wo er in Erfurt sein Studium beendete. Nach der Priesterweihe feierte er die sogenannte Primiz, seine erste Heilige Messe, in Zeitz. Seine erste feste Anstellung bekam Ferdinand Kohl als Kaplan in Meißen, wobei er seine damaligen Seelsorgeerfahrungen so beschreibt: Religionsunterricht, Jugendarbeit mit 150 Jugendlichen, drei bis fünf Messen am Sonntag, die letzte meist um 17 Uhr, 40 Ministranten, Kolping, Jugendchor, Laienspielgruppe, Krankenhausseelsorge - ein Job nur für Priester mit Stehvermögen. Ähnlich ging es von 1958 bis 1963 in der Probsteigemeinde Leipzig weiter.
Nach einer Zwischenstation in Bautzen folgte dann der kalte Guss in Zwickau-Planitz. Eine Mini-Wohnung im Mehrfamilienhaus, eine Kapelle mit 25 Plätzen, ein Gemeinderaum von 30 m² und Sonntagsgottesdienste in der evangelischen Schlosskirche für die knapp 500 Gemeindemitglieder waren 16 Jahre lang Seelsorge aus dem Koffer. Erst 1970 gelang es, ein 1860 als Diakonissenunterkunft errichtetes Haus mit wechselvoller Geschichte von der evangelischen Kirche zu erwerben, das bis 1933 etwa als Kindergarten, seit 1936 als HJ-Heim und nach 1945 sogar als Gefängnis diente. Durch viel Engagement der Gemeinde und immerwährende Motivation Ferdinand Kohls war es dann möglich, 1982 darin eine Kirche zu weihen.
Seine nächste Station war von 1995 - 2010 die Gemeinde St. Michael in Bretnig bei Pulsnitz. In dem Alter für viele längst Ruhestand, aber nicht für Ferdinand Kohl. Neben Gottesdiensten hielt er im Pfarrhaus noch Religionsunterricht für Schüler aus mehreren Ortschaften, von denen er einige sogar "einsammeln" musste… Aufgrund einer Strukturreform der katholischen Kirche ergab sich dann im Januar 2010 der Umzug nach Klingenthal. Seitdem ist er hier bis heute aufgrund personeller Probleme immer noch der Mann vor Ort. Noch heute absolviert er alle Gottesdienste in seiner Gemeinde, oft im Austausch mit seinem Falkensteiner Amtskollegen. Dabei ist er selbstredend mit dem Auto dorthin unterwegs. Aber auch Krankenhausseelsorge, wie etwa Sterbebegleitung, ist bis heute eine seiner Aufgaben.
65 Jahre als Pfarrer - da erlebt man einiges, auch Skurriles. Auf dem Weg zu einer Beerdigung nahm er jemanden mit in die Poliklinik, da kein Krankentransport verfügbar war. Auf dem Weg dorthin starb sein Beifahrer, wovon Ferdinand Kohl aber nichts merkte. In der Poliklinik wollte man ihm seinen Fahrgast deshalb zunächst nicht abnehmen. Und Ärgerliches: 2015 am Palmsonntag wurde während der Heiligen Messe bei ihm - wie schön öfters zuvor - eingebrochen. Es fehlten die Autoschlüssel, alle Papiere sowie ein Stück Leberwurst aus dem Kühlschrank. Den Unhold konnte man später fassen, der zumindest den Diebstahl der Leberwurst gestand.
Anlässlich seines eisernen Dienstjubiläums findet heute um 14 Uhr in der katholischen Kirche am Friedensberg ein Festgottesdienst mit ihm statt. Und am Sonntag um 15 Uhr, gibt es ihm zu Ehren einen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Maria Loreto bei Eger in der Nähe seines Geburtsortes. Diese Kirche hat für ihn eine besondere Bedeutung. 2010 erkrankte sein Vater als Kind an einer Hirnhautentzündung, damals ein Todesurteil, und lag drei Wochen im Koma. Als er wieder erwachte war sein erster Satz: "Sind die Schwestern von der Wallfahrt zurück?"
Natürlich haben sich zum Jubiläum Gratulanten angesagt. So etwa aus Rastatt, der Partnergemeinde von Bretnig, mit der es jährliche Besuche und Gegenbesuche gibt und die selbstredend nach Klingenthal kommen. Ebenso haben sich Gäste aus seiner damaligen Zwickauer Gemeinde angesagt. Aber warum ist er noch heute ungebremst aktiv? Es sei wohl eine Gnade Gottes, meint Ferdinand Kohl. Und außerdem würden viele Leute für ihn beten. Wer weiß, vielleicht wirkt es ja, schmunzelt er dabei…