5200 Personen im Vogtland benötigen einen Betreuer

Plauen - Der kleine Junge - tot geprügelt, weil er nicht schlafen konnte? Am späten Dienstagabend war er bewusstlos geworden, deshalb rief seine Mutter den Notarzt in die Albin-Enders-Straße im Mammengebiet. Noch in der Nacht flog man den Jungen nach Jena in eine Spezialklinik - die Ärzte kämpften vergebens: Karsten starb an den Folgen der Misshandlungen am Mittwoch, gegen 18.50 Uhr. Todesursache: vermutlich eine Hirnblutung.

Bernd Sämann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Zwickau: "Wir ermitteln gegen den 36-jährigen Lebensgefährten der Mutter wegen Mordes." Der dringende Tatverdacht ergebe sich aus den Angaben der Mutter und der Ärztin. Dem Lebensgefährten werde vorgeworfen, in der Nacht zu Dienstag und im Verlauf des Dienstags den Zweijährigen mindestens "zweimal mit der Hand geschlagen und einmal im Schlafsack derb geschüttelt zu haben, wobei der Kopf des Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen das Bettgitter schlug".

Aber auch gegen die 31-jährige Mutter werde ermittelt - mindestens wegen unterlassener Hilfeleistung, "vielleicht auch wegen Mordes in Mittäterschaft", sagt Sämann. Lebensgefährte und Kindesmutter schildern nach seinen Angaben den Tathergang unterschiedlich: Einer beschuldigt den anderen. Die Frage ist bisher unbeantwortet, warum die Frau nicht eingeschritten ist, als sie gehört habe, wie ihr neuer Mann im Nebenzimmer das Kind züchtigt, um neue Erziehungsmaßnahmen durchzusetzen.

Es gibt Gerüchte, wonach der Lebensgefährte wegen des ausgegangenen Alkoholvorrats aggressiv geworden sei? Stimmt das? "Darüber liegen uns keine Erkenntnisse vor", sagt Sämann, der die Ergebnisse der Obduktion in vier bis sechs Wochen erwartet, möglicherweise mit einem vorherigen Zwischenbericht. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen weiter. "Unser Wunsch ist es, spätestens in sechs Monaten das Verfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts Zwickau zu eröffnen." Auf Mord steht lebenslang. In einem Pressegespräch hatten Vertreter des Landratsamtes Einblicke in die Situation der Familie gegeben. Die Mutter habe sich liebevoll um den Jungen gekümmert, habe alle Untersuchungen beim Kinderarzt wahrgenommen - trotzdem war das Kind entwicklungsverzögert. Ein Gutachten war geplant - dazu kommt es nicht mehr. Bekannt wurde auch, dass der Mutter seit Jahren eine Betreuerin an die Seite gestellt wurde, als Helferin in lebenspraktischen Dingen.

Im Vogtlandkreis leben mehr als 5200 Personen, die solch einen Betreuer haben. "Betroffen sind Erwachsene, die auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen können. Viele der Betroffenen sind alte Menschen", teilt das Landratsamt mit. Das Martyrium des kleinen Karsten ist nicht der erste Fall in der Region: Der zweijährige Robin aus Kirchberg bei Zwickau ist zu Weihnachten 2007 in seinem Bett verhungert, weil seine Mutter den kranken Jungen drei Tage allein ließ: Das Gericht schickte die Frau für acht Jahre hinter Gitter.