26 Wochen Wartezeit für Ersttermin beim Psychotherapeuten

Wer an einer Depression erkrankt ist, braucht schnelle professionelle Hilfe. Doch lange Wartezeiten auf eine Psycho- therapie sind die Regel. Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen in Plauen derzeit mit durchschnittlich 25,6 Wochen Wartezeit rechnen wenn sie ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten vereinbaren möchten. Das ist Spitze.

Plauen/Jena - Frauen und Männer mit Depressionen oder Angsterkrankungen müssen im Vogtland drei Mal so lange auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten warten wie westdeutsche Patienten. Das berichtet die ostdeutsche Psychotherapeutenkamme (OPK). In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern schwankt die durchschnittliche Wartezeit auf ein erstes Gespräch demzufolge zwischen 14 und 19 Wochen. "Da ist das teils monatelange Warten auf den Therapiebeginn noch nicht mit eingerechnet", sagte der Jenaer Gregor Peikert. Der Psychologe am Universitätsklinikum Jena ist Vorstandsmitglied der Kammer, die 2800 Psychotherapeuten in den vier Bundesländern vertritt. Besonders kritisch ist nach seinen Angaben die Lage in den ländlichen Regionen. Die deutlich geringere Zahl von Psychotherapie-Praxen in den neuen Bundesländern hält Peikert für eine Folge der starren Bedarfsplanung von Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen für die ambulant tätigen Praxen.

Überversorgung?

Gerade in ländlichen Regionen wird die eklatante Unterversorgung sichtbar: nur 4,3 Psychotherapeuten stehen im Durchschnitt 100 000 Einwohnern zur Verfügung. Insgesamt gibt es nach Aussage von Angelika Wendt, Sprecherin der Ostdeutschen Psychologenkammer (OPK), 34,7 Psychotherapeuten im Vogtland. Somit besteht auf dem Papier sogar eine Überversorgung von 130 Prozent. Trotzdem sind mit knapp 14 Psychotherapeuten pro 100 000 Einwohner noch nicht einmal halb so viele Behandlungskapazitäten vorgesehen wie in Dresden. Kein Wunder, dass Patienten hier 25,3 Wochen auf ein Erstgespräch warten müssen.

Psychotherapeutische Behandlung in Anspruch zu nehmen, ist zwar nicht mehr so stigmatisiert wie früher, aber ein schwerer Gang für viele Menschen trotzdem noch. Wer sich endlich entschlossen hat, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wird sie erst einmal nicht bekommen. Die Wartezeit auf ein erstes Gespräch mit einer Psychotherapeutin beträgt bundesweit durchschnittlich 12,5 Wochen. Schon das ist zu lange. Innerhalb von drei Wochen sollte medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden, sagen die Experten. Eine mehr als achtfache Zeitspanne vergeht in Plauen.

In Großstädten dürfen sich neunmal so viele Psychotherapeuten niederlassen wie in ländlichen Kreisen Die Wartezeiten sind daher viel länger. Der Grund für dieses Ungleichgewicht liegt in der Bedarfsplanung aus dem Jahr 1999, die den damaligen Ist-Stand als Soll festsetzte. Die Bedarfsplanung regelt, wie viel Ärzte und Psychotherapeuten sich wo niederlassen und die Patientenversorgung mit der Krankenkasse abrechnen dürfen. "Der Begriff Bedarfsplanung klingt so, als wäre ein Versorgungsbedarf ermittelt worden, und als sei auf dieser Grundlage eine sorgfältige Planung erstellt worden. Das war leider nie der Fall", sagt OPK-Präsidentin Andrea Mrazek.

Zu den Merkwürdigkeiten der Bedarfsplanung gehöre nach ihrer Meinung auch, dass in ländlichen Gegenden ein Psychotherapeut für genauso viele Menschen zuständig ist, wie zehn Psychotherapeuten in Großstädten. Dort gelten knapp 39 Psychotherapeuten auf 100 000 Einwohner als normgerechte Versorgung. In ländlichen Kreisen bedeutet hundertprozentige Versorgung dagegen, dass 4,3 Psychotherapeuten versuchen, der Versorgung von 100 000 Einwohnern Herr zu werden. "Dafür gibt es keine fachliche Grundlage. Menschen auf dem Land werden nicht wesentlich seltener krank als Menschen in der Stadt. Dazu kommt, dass Bewohner ländlicher Gegenden bei gleicher Versorgungsdichte meistens wesentlich längere Wege zum nächsten Psychotherapeuten zurücklegen müssen", so Mrazek.

Professionelle Hilfe sollte bei psychischen Erkrankungen jedoch kurzfristig in Anspruch genommen werden können, wie jede andere medizinische Versorgung auch. Die OPK fordert daher eine Neuberechnung der Bedarfszahlen, ohne Unterschiede zwischen der Versorgung in Stadt und Land.

Der wachsende Behandlungsbedarf halte mit dem stagnierenden Versorgungsniveau nicht mit, sagte Peikert. Seelenleiden würden heute sehr viel häufiger diagnostiziert - was auch mit der gewachsenen gesellschaftlichen Akzeptanz etwa von Störungen wie Burnout zusammenhänge. Das belegen auch Zahlen der Krankenkassen. Bei AOK-Versicherten wurde im vergangenen Jahr fast jeder zehnte krankheitsbedingte Fehltag durch seelische Erkrankungen verursacht. Antje Grünler von der DAK in Plauen sprach ebenfalls von einer stark ansteigenden Zahl an vogtländischen Patienten mit Erschöpfungszuständen. Sie sprach von etwa sieben Jahren, bis ein psychische Erkrankung diagnostiziert werde. "Späte Diagnose und lange Wartezeiten bedingen oft auch einen langen Krankheitsverlauf", sagte sie. Etwa ein halbes Jahr Arbeitsausfall - wenn erst einmal die Therapie begonnen habe - sei die Regel.

Die langen Wartezeiten auf eine ambulante Psychotherapie sind nach Einschätzung des Experten ein wichtiger Grund für die Zunahme der Klinikbehandlungen bei psychischen Störungen. "Die Leute gehen ins Krankenhaus, weil sie ambulant nicht versorgt werden", sagte Peikert. Das treibe die Kosten für das Gesundheitssystem in die Höhe. Nach einer Analyse der Barmer GEK wurden voriges Jahr 8,5 von 1000 Versicherten wegen seelischer Krankheiten stationär behandelt - etwa doppelt so viel wie vor 20 Jahren.

Kritik am geplanten Gesetz

Peikert plädiert angesichts der Entwicklung für ambulante Psychotherapien mit flexibleren Stundenkontingenten. "Bei leichten Störungen sollten kürzere Therapien möglich sein." Derzeit dauert eine ambulante Gesprächs- oder Verhaltenstherapie mindestens 25 Stunden mit in der Regel festen wöchentlichen Termin.

Kritisch bewerten Peikert und Mrazek das geplante Gesetz zur Ärzteversorgung. Damit will die Bundesregierung einen Ausgleich zwischen unter- und überversorgten Regionen schaffen und für Ärzte und Psychotherapeuten in überversorgten Gebieten die Zulassungsmöglichkeiten kappen. Peikert: "Es nützt in Thüringen niemandem etwas, wenn es in Baden-Württemberg weniger Psychotherapeuten gibt." Wenn das Versorgungsstrukturgesetz wie geplant umgesetzt wird, "werden deutschlandweit fast 6000 psychotherapeutische Praxen abgebaut. In Sachsen könnten es immerhin 31 Praxen sein. Das klingt zwar nicht viel. Ist es aber", so die OPK-Präsidentin mahnend. M. T.