250 Blickwinkel auf die Wende

250 Personen aus Plauen und Umgebung wurden 1999 in einem einjährigen Projekt nach ihren Erinnerungen an die Zeit um und nach 1989 befragt. Seit 2001 befinden sich die Gespräche auf 62 Audiokassetten im Stadtarchiv. Nun sind sie auch der Öffentlichkeit zugänglich.

Von Torsten Piontkowski

Plauen "Das erste Halbjahr 1989 war überschattet von den Ausreiseersuchen vieler Bürger, was zu großen Problemen in der medizinischen Versorgung und mit Waren des täglichen Bedarfs führte." Iim zweiten Halbjahr sei seine Tätigkeit zunehmend politischer geworden", erinnert sich Plauens OB Dr. Norbert Martin an die Zeit, als er im Rathaus noch in Amt und Würden saß. Ralf Reichmann, damals Schichtführer bei der Feuerwehr, berichtet über die Unzufriedenheit, die damals sogar im Parteilehrjahr geäußert, aber konsequent ignoriert wurde. Er spricht von seiner Nacht als Einsatzleiter, als die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen durch Plauen rollten. Und Rolf Weber, schon zu DDR-Zeiten als Naturschutzpapst des Vogtlandes überregional bekannt, berichtet über das Verhältnis der Verantwortlichen zum Naturschutz in diesem Lande.
Allein die Namensliste derer, die in dem damals einjährigen Projekt der ASB Dienstleistungsgesellschaft befragt wurden, weckt nicht nur Erinnerungen, sie ruft auch Gänsehaut hervor.
Rund 90 Stunden authentischer Erinnerungen derer, die dem System als "Rädchen" dienten und jener, die sich ihm entgegenstellten, befinden sich auf 62 im Wortsinne hörenswerten Audiokassetten.
Das "Geheimnis" der Befragungen: Jedem Zeitzeugen wurde lediglich die Frage gestellt, welche Erinnerungen, Gedanken und Gefühle er mit der Wende und der Zeit danach verbindet. Danach blieb der Befragte quasi sich selbst überlassen, wurde weder unterbrochen, noch in eine bestimmte Richtung gelenkt, sagt Archivar Clemens Uhlig in einem gestrigen Pressegespräch. Mittlerweile nämlich wurde das Material von einer Spezialfirma archivfachlich digitalisiert und in die Archivdatenbank des Stadtarchivs eingespeist. Was wiederum bedeutet, dass es nun der Öffentlichkeit zur Verfügung steht - jeder kann zu den Öffnungszeiten des Archivs "reinhören". Vor allem für Schülerprojekte sei das Angebot bestens geeignet, wirbt Uhlig der anfügt, dass das Material nicht im Netz verfügbar sei und auch nicht ausgeliehen werden könne.
Was den Reiz der 250 Blickwinkel auf die Wende ausmacht ist die Tatsache, dass auch die so genannten "kleinen Leute" befragt wurden und jeder im Gespräch - das manchmal nur wenige Minuten, manchmal über eine Stunde dauert - andere Schwerpunkte setzt. Für den einen spielt in den Erinnerungen die Familie, für andere die Arbeitswelt oder die gesellschaftliche Entwicklung mit all ihren Unwägbarkeiten eine Rolle.
Je nach "Erzähltalent" der Gesprächspartner fühlt sich der Zuhörer zum Greifen nah dran an dem, was vor 30 Jahren in Plauen in der damaligen DDR seinen Ausgang nahm. Erstaunlich ebenfalls, dass alle 250 Gespräche von gerade mal vier "Interviewern" gestemmt wurden.
Über Jahrzehnte realisierte das DDR-Fernsehen - und ein Team über die Wende hinaus - eine Dokumentation "Die Kinder von Golzow". 1955 Geborene wurden quasi ihr Leben lang in bestimmten Abständen mit der Kamera begleitet. Nicht unvorstellbar also, dass sich geschichtsinteressierte Plauener Schüler in einem Projekt damit beschäftigen, die damals Befragten, nun, nach weiteren 20 Jahren, unter einer anderen Fragestellung erneut vors Mikrofon zu bitten.