16-Jähriger zahlt Kriegszeche

Rolf Schneider wird 90. Aber sein "richtiger" Geburtstag liegt 69 Jahre zurück - als er aus der Gefangenschaft nach Reichenbach zurückkehrt. Aus einer "Befragung" waren vier Jahre und vier Monate geworden: Er hatte unschuldig für ein Jahrhundertverbrechen gebüßt, den von Deutschland begonnenen Weltkrieg. Das Unrecht lässt ihn bis heute nicht los.

Von Uwe Faerber

Reichenbach - Im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar hatten die Nazis Zehntausende Kriegsgefangene ermordet - Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas . . . 
Nach 1945 nutzen die Sowjets das Lager: Sie sperrten Menschen ein, die sie für Nazis und Kriegsverbrecher hielten. Doch darunter waren viele Unschuldige - wie Rolf Schneider: "Ich wurde am 31. Januar 1950 entlassen - mit 50 anderen. Mit dem Lkw fuhren wir zum Bahnhof, warteten auf den Zug nach Gera, dann weiter nach Greiz - und von dort sind wir zu zehnt nach Reichenbach gelaufen. 1.30 Uhr klopfte ich an die Scheibe meines Elternhauses: Mutter und Vater schrieen, alle greinten: Wir hatten seit 11. Oktober 1945 keinen Kontakt." Der Vater stirbt zehn Wochen später - weil er seinen Sohn nicht hatte schützen können.
Damals hatten zwei Herren in Zivil den 16-jährigen Rolf mitgenommen - zu einer "kurzen Befragung": Der Junge gehörte zu knapp vier Dutzend Jugendlichen des Jahrgangs 1929, die bezichtigt wurden, "Werwölfe" zu sein. "Das stimmt nicht, wir waren im Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend - das war alles. Der Verdacht reichte aus, dass wir tagelang verhört und geprügelt wurden - bis wir alles zugaben: Ich habe fünf Seiten russischen Text unterschrieben . . ."
Nach Tagen im Plauener und Zwickauer Gefängnis kamen Schneider und seine Leidensgenossen nach Mühlberg an der Elbe, einem früheren Kriegsgefangenenlager. Auch hier hielten die Sowjets (vermeintlich) Schuldige gefangen. Schneider spricht von 12 000 oder 13 000 Menschen, die wie die Fliegen starben, wegen entsetzlicher Hygiene, schlechten Essens, Seuchen.
"Ich habe den Reichenbacher Oberbürgermeister Otto Schreiber sterben sehen, der die Stadt in einer mutigen Aktion mit weißer Fahne an die Amerikaner übergeben hatte. Übrigens ist dort auch der Vater von Frank Schöbel an Tbc gestorben."
1947 springt Schneider nach eigenen Worten dem Verderbnis von der Schippe, als 900 Mann auf einen "Pelzmützentransport" nach Sibirien geschickt werden - alles junge Kerle in vergleichsweise gutem körperlichen Zustand, was durch Anfassen der A . . . backen getestet wurde. "Im letzten Moment habe ich bemerkt, dass ein anderer Rolf Schneider auf den Transport sollte." Viele von ihnen haben die Heimat nie wiedergesehen. 
Doch auch ohne Sibirien zieht sich Schneider eine lebenslange Beeinträchtigung zu - eine eingekapselte Tbc. "Aber für eine Rente hat es in der DDR nicht gereicht - damals waren die russischen Lager ein Tabu-Thema. Erst mit der Wende kann über das Unrecht offen in Ostdeutschland gesprochen werden. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen noch verurteilt werden."
1948 wurde eine Handvoll Reichenbacher Jugendlicher aus Mühlberg nach Hause entlassen - "warum wissen wir nicht", berichtet Schneider weiter, der im gleichen Jahr ins KZ Buchenwald verlegt wird. "Trotz erbärmlichen Essens war es dort zehn Mal besser: Wasserklosetts statt Donnerbalken, Dielen statt Ziegelsteine als Boden, dichte Fenster."
Mit seinen Leidensgenossen hält Schneider eisern Kontakt - auch wenn nur noch ein paar leben. Wann immer möglich, reist er zu den Gedenktreffen nach Mühlberg. 2017 war erstmals der Reichenbacher OB Raphael Kürzinger mitgefahren, im vergangenen Jahr schickte er Blumen mit. Und am morgigen Sonntag hat er sich zum Gratulieren angesagt: Rolf Schneider feiert 90. Geburtstag.