140 konspirative Wohnungen in Plauen

Nach 27 Jahren hat das Thema "Staatssicherheit in der DDR" noch nicht an Brisanz verloren. Es wühlt immer noch auf. So war es nicht verwunderlich, dass kaum noch ein Platz im Kino 3 frei war, als am Sonntagabend Dr. Helmut Müller-Enbergs im Capitol Plauen innerhalb des Deutsch-Deutschen Filmfestivals seine Forschungsergebnisse vorstellte.

Plauen - Der Referent hatte sich speziell auf Plauen und das Vogtland vorbereitet. Seine Unterlagen habe er vom CIA erhalten. Aus dem benachbarten Hof hatten damals 30 Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes die Region ins Visier genommen.

Er verlas unter anderem Berichte eines Plaueners, der für den CIA arbeitete. Der studierte Politologe ist seit 1992 wissenschaftlicher Referent beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Er zeigte auf, wie sich die Stasi-Berichte aus Plauen in die übergeordneten Stellen verändert haben. Anfangs wurden reale Analysen erarbeitet, später nur noch das geschrieben, was gehört werden wollte. "Es kommt immer auf die Zeit an, über die man spricht".

In den 60- er Jahren wurden Wahrheiten geschrieben, in den 80er nur noch Prosa. Er nannte Namen der Beschäftigten der Stasi in Plauen und ließ die Zuhörer bei dem einen oder anderen aufhorchen.

In Plauen waren acht Mitarbeiter mit der Spionage beschäftigt. Müller-Enbergs kritisierte, dass nach 1990 nur die Aufarbeitung der Hauptamtlichen geschehen sei, die Zuarbeiter kamen ohne Strafen davon. Gleiches gilt für die "inoffiziellen Mitarbeiter" (IM). Diese wurden gleichbehandelt, obwohl bekannt ist, dass sie unterschiedliche Stellungen hatten.

Allein in Plauen sind 700 IMs bekannt. Das ist fast ein Republikrekord. In dieser Zahl fehlen noch die sogenannten "GM". Diese "Guten Menschen" waren eine Besonderheit im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Die als Vorschlag bei Mielke eingereichte Aufstockung wurde hier durchgeführt.

Einen Unterschied zu "IM" gab es nicht. "GMs wurden vom Gesetzgeber vergessen, es gibt keine Auskünfte über sie", bekräftigte der Wissenschaftler und ergänzte, dass diese Leute heute noch unbescholten in ihren Ämtern sitzen können. Müller-Enbergs zeigte die sechs Kategorien der inoffiziellen Mitarbeiter auf. Darunter waren Menschen aus allen Berufsschichten.

Er vertritt die Meinung, dass eine alte Frau, die ihre Wohnung als konspirativen Treff zur Verfügung stellte, nicht gleichzusetzen sei, mit einem IM, der Menschen für Jahre ins Gefängnis brachte.

In Plauen sind 140 Wohnungen für derartige Treffen bekannt. Er sprach vom Verfolgungseifer der Staatsorgane. So sei beispielsweise in die Biografien eingegriffen worden. Ein Pfarrerssohn aus Plauen wollte eine Lehrstelle haben. Seitenlange Schreiben zeigten auf, dass der Vater nicht einhundertprozentig linientreu war. Der Sohn erhielt diesen Ausbildungsplatz nicht.

Dr. Helmut Müller-Enbergs gab am Ende seines Vortrages zu verstehen, dass solche Praktiken nicht mehr durchgeführt werden. "Die Nachrichtendienste von heute greifen nicht mehr in Biografien ein." va

Helmut Müller-Enbergs im Interview: