Reglindis Rauca liest in Reichenbach

Hochverrat, so sagen Zyniker, sei vor allem eine Frage des Datums. Nehmen wir den 28. Oktober vor 68 Jahren. Damals glaubte sich SS-Hauptscharführer Helmut Rauca aus Trieb im Vogtland, 33 Jahre alt, auf der sicheren Seite.

 

Als er in seiner schwarzen Uniform, mit einer Peitsche in der behandschuhten Rechten und einem Schäferhund an der Seite, selektierte. Herr war über Leben und Tod im litauischen Kaunas. Seine Handbewegung entschied, wer weiterleben durfte und seiner späteren Vernichtung durch Arbeit entgegensah, oder gleich am nächsten Tag erschossen wurde. Er trennte Mütter von ihren Kindern, schickte Greise in den Tod.

Die Herren des Einsatzkommandos 3 nannten diese sogenannte Große Aktion am 28. und 29. Oktober 1941 "Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden". Dahinter verbarg sich die Selektion und Exekution von 9200 Personen aus dem Ghetto von Kaunas. Sämtliche Einwohner des Ghettos, mehr als 30 000, mussten sich am 28. Oktober um 6 Uhr morgens auf dem Demokratu-Platz versammeln. Gegen 9 Uhr wurde der Platz von SS und litauischen Hilfskräften umstellt. Helmut Rauca persönlich nahm die Selektion der zu Erschießenden vor, die bis in die Abendstunden dauerte. Die Selektierten wurden im Kleinen Ghetto untergebracht und im Morgengrauen des folgenden Tages in Fort IX erschossen. Bei den 9200 Opfern handelte es sich nach den Angaben des Kommandanten Jäger um "2007 Juden, 2920 Jüdinnen, 4273 Judenkinder".

Heinrich Himmler, "Reichsführer SS", hatte seine Mörderbanden bestärkt, als er in seiner Posener Rede sagte: "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen." Welch unglaubliche Perversion von Moral, Recht und Pflicht.

 

Ob einem Helmut Rauca jemals der Gedanke gekommen ist, dass er ein Massenmörder war, wir wissen es nicht. Er wird nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft, geht 1950 nach Kanada und bleibt unbehelligt. Wie zum Beispiel alle "furchtbaren Juristen" der Nazizeit, von denen kein Einziger vor Gericht gestellt wurde, getreu der Devise: Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein.

Im Jahre 2003 gibt Reglindis Rauca, 1967 in Plauen geborene Enkeltochter von Helmut Rauca, mehr oder weniger zufällig ihren Namen in die Suchmaschine Google ein. Sie stößt auf ihren Großvater Helmut Rauca und erfährt, was bislang ein Familiengeheimnis war. Als Kind hatte sie mitbekommen, dass da mit dem Opa in Kanada etwas im Gange war. Wurde er doch im Frühjahr 1983 nach langem juristischen Hickhack von Kanada in die Bundesrepublik ausgeliefert, um sich für die Verbrechen in Litauen zu verantworten. Doch zum Prozess kommt es nicht. Rauca stirbt in der Untersuchungshaft: am 29. Oktober (!) 1983. Zwar ist zum Fall Rauca damals im Rias die Rede und auch die Weltpresse berichtet, die Medien der DDR jedoch machen darum einen Bogen.

Reglindis Rauca, Schauspielerin und seit 1992 in Düsseldorf zu Hause, beginnt über ihr Leben zu schreiben. Es entsteht der Roman "Vuchelbeerbaamland", 2008 im Mitteldeutschen Verlag erschienen. Frau Rauca schildert eine Kindheit und Jugend in Plauen, die schwierig-schmerzhafte Suche nach Identität. Geprägt von einem christlichen Elternhaus und einem autoritären Vater, beeinflusst auch von sozialistischer Schule und Ideologie. Dabei gelingen ihr, bei aller Tragik, köstlich-komische Passagen, zeichnet sich ihr Debütroman durch eine überragende literarische Qualität aus.

Die Eltern nehmen ihr das literarische Werk übel. Sie brechen den Kontakt zu ihr ab, "solange Du noch stolz auf dieses Buch bist", wie es in einem Brief heißt. Inzwischen schreibt Reglindis Rauca an einer Fortsetzung. Viele Fragen hatte sie im Anschluss an ihre Lesung zu beantworten. Und viel Zustimmung erhielt sie, als sie erklärte, dass sie es als ihre Verantwortung ansehe, diese schrecklichen Ereignisse, die unmittelbar mit ihrer Familie zusammenhängen, zu thematisieren.  M.B.