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Puhdys unplugged in der Plauener Festhalle
311 Jahre geballte Rockerrentner-Power
Plauen – Spätsommer 1970 in Pirna. Tanztee im Jugendklubhaus „Hanno Günther“. Tanztee ist die kuriose Bezeichnung für Veranstaltungen, die bereits 15 Uhr beginnen, damit auch die jüngeren Teenies bei Jethro Tull-Titeln knutschen können. In der Pause stehen die Musiker mit dem Jung-Volk vor der Tür. Der Lange mit den schulterlangen Haaren raucht eine nach der anderen und schiebt sich zwischendurch geschätzte fünf Bockwürste rein.
Winter Plauen 2010. Die Veranstaltung beginnt 20 Uhr, die Festhalle ist bestuhlt. Die Haare des Langen sind noch vorhanden, nur kürzer. Angeblich raucht er nicht mehr oder weniger und mampft noch wie vor 40 Jahren. Willkommen beim Konzert der Puhdys am Freitagabend. „Hallo Plauen“ ruft der Lange, also Dieter „Maschine“ Birr, ins Publikum und den meisten werden Minuten vorher noch ähnliche Erinnerungen an ihre und die Jugend der dienstältesten Rocker des Ostens gekommen sein. Mit der „Königin“ haben sie ihre gleichaltrigen Fans begrüßt und die zwei, drei Generationen jüngeren natürlich auch. Nun erklärt „Maschine“, weshalb die Bühne vergleichsweise Boxen frei ist, die Drums hinter einer Schallschutzwand versteckt sind, die Gitarren aussehen wie aus der Musikschule geliehen und die Herren selbst sich nicht aus Altersgründen nebeneinander auf Barhocker platziert haben.
Die Puhdys sind auf Akustik-Tour, unplugged also, was wiederum heißt, dass man eben auf Akustik-Gitarren spielt, die im Gegensatz zu den flachen „Brettern“ jeden Fehlgriff hörbar an die Ohren des Publikums weiterleiten.
Es ist ihre mittlerweile dritte Akustik-Tour, während der zweiten entstand ein neues Album, aus dem sie „Mein zweites Leben“ spielen, nachdem die „Perlenfischer“ des gleichnamigen Albums von 1978 in die Erinnerung der Fans getaucht sind. Etwas abseits auf der Bühne unterstützen drei junge Kerle die Arbeit von Maschine und Co. im Rampenlicht. „Leute, die wir zum Bier holen und Koffer tragen brauchen“, ulkt Birr. Dafür können sie erstaunlich gut spielen, was bei zwei von ihnen daran liegt, dass der berühmte Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
Der eine sei der Urenkel seines Opas grinst Maschine und stellt Sohn Andy vor, der normalerweise bei „Bell Book & Candle“ an den Drums sitzt, aber heute als Gitarrist dabei ist. Der andere an den Percussions ist Nic und heißt mit Nachnamen überhaupt nicht zufällig so wie Klaus Scharfschwerdt, der Puhdys-Schlagzeuger. Dritter schließlich ist Konrad Olea am Piano, ein künftiger Filmkomponist. Noch sind flammende Feuerzeuge und Leuchtstäbe Fehlanzeige. Wohl auch nicht der Knaller bei „Denke ich an Deutschland“. Im Internet meint einer, dies sei die heimliche DDR-Hymne gewesen. Mit Verlaub, das ist Blödsinn. Dann „Hiroshima“, unterstützt vom ersten Feuerzeug. Quasters Stimme und der Text sorgen dafür, dass es schnell mehr werden. Zwischendurch unterhält „Maschine“ das Publikum mit echt schnoddrig Berliner Charme. Wie es kommt, dass das Publikum manchmal glaubt, die Puhdys gäbe es erst zehn Jahre? „Die Leute urteilen nach dem Aussehen.“ Ach ja, hätte man doch glatt vergessen, dass die Jungs zusammen 311 Jahre alt sind. Nun auch die musikalische Verbeugung vor den Fans, mit dem Titelsong „Abenteuer“ vom gleichnamigen Album. „Wir wollen uns nicht fügen, immer noch nicht erwachsen sein. Wir wollen die Zeit betrügen und immer wieder mit euch zusammen sein.“
Die ersten Fans formieren sich zum Tanz zwischen den Stuhlreihen, denn wie singen die da oben doch gerade? „Das Leben ist kurz“, wie auch ein Puhdys-Konzert. Doch noch ist man mittendrin, „Wenn Träume sterben“ und Birr seine Hommage an John Lennon ins Mikro knarrt. Nach 40 Jahren haben sie es längst drauf, dramaturgisch mit dem Publikum zu spielen. „Bis ans Ende der Welt“ spielen sie sich gerade und mitten im Stück wechseln Birr und Meyer die Instrumente. Riesenapplaus, während der sich soeben 70 gewordene „Eingehängt“ Meyer am Saxofon die Seele aus dem Leib bläst. Grund wohl zur späteren Frage „Lebt denn der alte Holz-Meyer noch?“ Dessen Anwort in Frauen-Stimmlage: „Ja ich leb noch, ich leb noch, sterb nie.“ Na gott sei Dank.
Zeit, das „Kollektiv“ vorzustellen. Peter „Bimbo“ Rasym am Bass. Seit 1997 dabei und damit für immer das Nesthäkchen der Band. Dieses Schicksal trug Klaus Scharfschwerdt Jahrzehntelang mit Würde, doch als der Neue gilt er immer noch. Seit 1979. Dieter „Quaster“ Hertrampf, als Erfinder der Operette vorgestellt und für den Klamauk zuständig, Operetten-A-Capella inklusive. Peter „Eingehängt“ Meyer an den Keyboards, das Zustandekommen seines Spitznamens lässt sich im Buch „Abenteuer Puhdys“ nachlesen. Und schließlich „Maschine“ aus der „ehemals sowjetisch besetzten Zone“, wie Quaster lästert. Weiter geht“s musikalisch. Aus dem Album „Wilder Frieden“ erfährt das Publikum, dass „Alles nur eine Frage der Ansicht ist“ und „dass Meyer's neun Kinder alle ausseh'n wie Rinder und er zahlt bis zur Rente immer schön Alimente. Dabei sind's gar nicht seine – jedenfalls nicht alle neune, denn jetzt kam es raus, die sind von Harry und Klaus. Ja, Ja.“ Dumm gelaufen.
Bei „Geh zu ihr“ stehen die Fans längst vor der Bühne, bei „Lebenszeit“ und „Alt wie ein Baum“ haben die Erinnerungen selbst Glatzenträger mit Übergewicht eingeholt, die nun so etwas wie Rhythmus aufs Parkett stampfen. Macht nichts, der Wille zählt und die Puhdys wissen mit der Titelauswahl, was sie ihrem Publikum schuldig sind. „An den Ufern der Nacht“ verabschieden sie sich offiziell, die „Eisbärenhymne“ und „Das Buch“ gibt es obendrauf. Dann ist Schluss, für Menschen jenseits der Rockerrente locken die Betten im Hotel „Alexandra“. Eigentlich ist es ja absolut unüblich, dass ein Fan über seine Lieblingsband schreiben darf. Danke der Redaktionsleitung, dass sie in diesem Falle einmal eine Ausnahme gemacht hat.
Von Torsten Piontkowski
2010-02-07




