Hub-Blog "Ansichtssache" jeden Samstag neu...

Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Hans-Dietrich Genscher im Interview

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Hans-Dietrich Genscher hat den wohl berühmtesten unvollendeten Satz der Geschichte gesprochen.

 

Der Rest ging im Jubel von 4000 DDR-Flüchtlingen unter. Am Sonntag war der große, alte Mann der FDP zu Besuch in Hof. Andrea Herdegen hat die Möglichkeit genutzt und mit dem Ex-Außenminister gesprochen.

 

Herr Genscher, was haben Sie gefühlt, da oben auf dem Balkon der Prager Botschaft?

Zunächst einmal: Gesundheitlich ging es mir miserabel. Ich hatte am 20. Juli einen Herzinfarkt und litt unter Herzryhthmus-Störungen. Natürlich war ich auch tief aufgewühlt, denn: Das jetzt sagen zu können – „Sie können ausreisen“ – das war die eine Sache. Das andere war, die Leute davon zu überzeugen, dass diese Ausreise über die DDR erfolgen muss. Weil die Menschen Angst hatten, dass die Züge angehalten würden. Prag, das ist ein Ereignis, das man nie vergisst. Das ist mir so tief eingegangen wie selten etwas in meinem Leben.

 

Was verbinden Sie in Ihrer Erinnerung mit Hof?

In Hof kam der erste Zug an. Als der Anruf kam, war ich natürlich erleichtert. Ich war zwar überzeugt, dass die DDR-Führung ihre Zusagen einhalten würde. Aber es dann bestätigt zu bekommen... Da ist mir zusätzlich ein Stein vom Herzen gefallen.

 

Sie sagen, dass wir wieder in einem Land in Freiheit und Demokratie leben können, bereitet Ihnen täglich Freude...

Aber selbstverständlich! Und ich habe nicht den Eindruck, dass ich damit allein stehe. Gerade dieses Jahr mit dem zwanzigsten Jahrestag der Grenzöffnung trägt dazu bei, aufzuzeigen, was erreicht wurde.

Sie haben immer betont, die Einheit sei keine Last, sondern eine Chance. Wo wird diese Chance noch zu wenig genutzt? Ich glaube, dass man zum Beispiel bei der Förderung von Wissenschaft und Forschung sehr viel stärker einen Schwerpunkt im Osten legen müsste. Wenn man die Aufholjagd des Ostens zu einem Erfolg machen will, dann kann man nicht sagen: Jedes Land nach seiner Kraft. Man kann einfach nicht vierzig Jahre verfehlter sozialistischer Politik über Nacht oder auch über zehn oder zwanzig Jahre beseitigen.


Wo fühlen Sie sich im wiedervereinten Deutschland am wohlsten?

Eigentlich überall. Aber meine Heimat ist Halle. Zuhause bin ich in Bonn, dort sind meine Kinder und Enkel geboren. Das ändert aber nichts daran, dass ich nie vergessen habe, woher ich komme. Ich finde übrigens, dass diejenigen, die das vergessen, meist auch nicht wissen, wo sie hin wollen.

 

Was hat Sie denn nach dem Krieg bewogen, sich in der Politik zu engagieren?

Zunächst einmal war es das Motiv: Das darf nie wieder geschehen, was in Deutschland geschehen ist. Dann kam – als sich die Teilung verstetigte – hinzu, dass man alles tun wollte, um zur Wiedervereinigung beizutragen.

 

„Freiheit“ ist für Sie ein ganz wichtiger Wert?

Ja, natürlich. Aber man darf Freiheit nie von Verantwortung trennen. Wenn man die Verantwortung vernachlässigt, dann wird Freiheit leicht zur Zügellosigkeit. Es braucht beides.

 

Ist die FDP von heute noch die gleiche Partei, der Sie 1952 beigetreten sind?

Ja, eine Partei mit den gleichen Werten, den gleichen Zielen. Aber natürlich hat jede Zeit ihre Herausforderungen. Die FDP von 1952 musste sich mit den Auswirkungen der Globalisierung nicht auseinandersetzen. Wichtig ist, dass Parteien in der Lage sind, aus ihren Grundsätzen heraus Antworten geben zu können auf alle neu aufkommenden Herausforderungen.

 

Nach dem Ende des Kalten Krieges haben Sie gefordert, man müsse nun neue Horizonte definieren. Ist Barack Obama der Mann, der diesen Aufbruch schaffen kann?

Er hat diesen Aufbruch ja schon sehr erfolgreich in Angriff genommen. Seine bedeutenden Reden haben enorme geistige Durchbrüche möglich gemacht. Daraus muss jetzt natürlich die Politik die praktischen Konsequenzen ziehen.

 

Das Fenster der Geschichte öffnet sich – wie bei der Deutschen Einheit – oft nur für Momente. Wann, glauben Sie, geht es das nächste Mal auf?

Ich glaube, wir sind schon dabei, dass es geöffnet wird. Das sage ich im Bezug auf die Wahl von Obama. Es wird jetzt wichtig sein, dass Europa seine Botschaft in der Welt verkündet. Nämlich, dass man tiefgreifendste Probleme lösen und überwinden kann. Aber dass das nur geht, wenn man im Anderen den Ebenbürtigen sieht. Deshalb muss unsere wichtigste Aufgabe sein, den Vorurteilen – bei uns und überall in der Welt – entgegenzutreten. Vorurteile vergiften das Denken der Menschen und auch ihre Gefühlswelt.

 

2009-07-30




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