Hub-Blog "Ansichtssache" jeden Samstag neu...

Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Plauener bekommt Schülerstipendium

021110 IrakerPlauen – Der Schüler Kassem Taher Saleh ist ein junger Iraker, der am BSZ Anne Frank lernt und in drei Jahren sein Abitur erlangen will. Sein Ziel: Studieren und in der neuen Heimat Deutschland leben und arbeiten.

 

Kassem Taher Saleh lächelt ruhig und freundlich. Man sieht ihm ein gesundes Selbstvertrauen an, zielstrebig wirkt er, Fleiß und Disziplin sind Worte, die er lebt. Der junge Plauener wirkt gut gelaunt, was Wunder, steht vor ihm doch eine selbst bestimmte Zukunft. Den Schüler des Beruflichen Schulzentrums „Anne Frank“ Plauen freut es, an dieser modernen BSZ zu lernen und dazu noch ein monatliches Stipendium zu erhalten, das Bildungsgeld heißt. Wissbegierig verfolgt der Schüler die Seminare, den Unterricht, egal welches Fach. Er saugt das Wissen auf, spricht so gut Deutsch wie Irakisch. „Außerdem bekam ich noch Arbeitsmittel, Bücher und einen Laptop“, erzählt der 17-Jährige stolz, was ihm den Alltag beim Lernen noch etwas mehr erleichtert. Der ehrgeizige Kassem fühlt sich unterstützt in seinem Vorhaben, hier, in seiner neuen Heimat, eine Zukunft aufzubauen.


Die alte Heimat, den Irak, mussten er, seine Eltern und seine drei Brüder vor einigen Jahren fluchtartig verlassen. Die große nordirakische Stadt Mosul war nicht mehr sicher (und soll es bis heute nicht wirklich sein). Kassem berichtet: „Wir haben ab und zu telefonisch Kontakt zu Verwandten, aber die erzählen, dass es da schwer ist.“ An die drei Millionen Menschen leben in Mosul, besser ausgedrückt, sie kämpfen sich meist durch, und immer wieder gibt es Anschläge – vor allem, weil die religiösen Fanatiker der Sunniten den Terror gegen die Schiiten als ihr wichtigstes Mittel der Interessendurchsetzung wähnen. Recht und Orndung, Regeln, Ruhe? In Mosul sieht die Realität chaotischer aus, meint Kassem. So packten Vater Taher und Mutter Amal ihre Koffer, schnappten die Kinder und schafften den Weg nach Deutschland, ihrer neuen Heimat. „Wir fühlen uns wohl hier und sind froh in Frieden leben zu dürfen“, sagt Kassem leise und bestimmt, er gesteht, froh und dankbar zu sein, dass seine Eltern den Mut aufbrachten, den Weg nach Europa zu gehen. Es ist der Weg auch für seine und seiner Brüder bessere Zukunft.


Die Eltern freuen sich über die Erfolge und den Tatendrang ihres größten Sohnes. „Sie haben mich beschenkt und wir haben gefeiert, als ich den Realschulabschluss schaffte und damit an die Anne Frank kam“, erinnert sich der Plauener. Ja, nun sind Mutter und Vater fast noch strenger als früher – schauen, dass die Hausaufgaben erledigt werden und das Lernen überhaupt steht an erster Stelle.


Vater, Diplomökonom, arbeitet als Pizzafahrer, Mutter ist zu Hause, sie die studierte Lehrerin. Wohl ahnt Kassem, dass seine Eltern merken, ihre Zeit ist es nicht mehr, dafür umso mehr die Zeit der Söhne. Deutschland ist die neue Heimat, sich als ältere Menschen zurecht zu finden sei aber schwerer, so der Junge. Ein bisschen ist es dann zu Hause wie Irak, das Essen, die Sprache, die Gebete. Doch sie nehmen das neue Land, die Kultur, die Lebensweise an, als ihre.


Früher hat Kassem im Verein Fußball gespielt, jetzt gönnt er sich nicht mehr so viel Freizeit wegen dem späteren Abitur, meint er lächelnd. Ja, Fußballspielen mal auf dem Helbigplatz, sich mit Freunden treffen, das ist auch weiter drin trotz allem Fleiß. Und eine weitere, ihm wichtige Beschäftigung erledigt er nebenher mit besonderem Engagement und Interesse. „Ich unterstütze Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt, wenn sie zu Behörden müssen und auch bei Formularen und so“, erzählt Kassem Taher Saleh.


Apropos Helfen. Darin sieht er seine Zukunft. „Ich würde, wenn ich das Abitur schaffe, gern studieren, Medizin oder Jura. Dann kann ich für andere Menschen da sein. Gerade als Anwalt für das Recht einstehen. Ich hab erlebt, wie es ist, wenn man rechtlos ist und man flüchten muss.“

 

Von Frank Blenz

 

2010-11-02




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