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Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.
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Ramadan mit Herz und Disziplin leben
Plauen – Um vier Uhr 27 ging am Dienstag in Plauen die Sonne auf. Bei der Plauener Familie von Taher Muhamad Ali Saleh, die im Stadtzentrum wohnt, begann mit dem ersten Licht der Tag wie jeder der 30 Tage des Fastenmonats Ramadan: Mit dem ersten Gebet.
Vom 11. August an leben im Besonderen die Eltern und der große Sohn Kassem einen Monat konsequent nach den Vorgaben dieser für Muslime wichtigsten Zeit im Jahr, zeitweise auch zwei weitere Söhne. Vor allem das Fasten wenn es hell draußen ist, gilt als Herausforderung für Körper und Geist, sagt Vater Taher Saleh. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen Teilnehmer des Ramadan wieder essen und trinken.
Für Vater Taher und Mutter Amal öffnet sich der Morgen ruhig und freudig, in der blitzblank sauberen Wohnung wuseln die vier Söhne Kassem, Jehad, Muhamad und Ahmad herum, sie bereiten sich auf den Weg in die Schule vor. Die Kinder (außer Kassem) bekommen zu Essen mit, auch wenn Ramadan ist, denn nicht jeder darf Verzicht üben, erläutert die Mutter. Sie zählt Alte, Kranke, Frauen in der Regel, Schwangere, Kinder auf. Wer sich gesund fühlt, stark und froh im Islam – der fastet und empfindet es als einen enormen Gewinn. Es sei die Stille, das Innehalten, die Einkehr, die einen erobere.
Sohnemann Ahmad rollt den kleinen Teppich wieder zusammen, der zum Beten gen Mekka direkt in Richtung der Schrankwand ausgelegt war und bringt diesen in den Nebenraum. Fünf Mal täglich ist zu beten. Auf einem Blatt Papier neben der Tür zur Stube stehen die genauen Zeiten und wann die Sonne untergeht. Jeden Tag zwei Minuten eher.
„Klar, wir haben auch schon zwei Tage Ramadan mitgemacht, aber das ist für uns noch keine Pflicht“, berichtet Jehad, der Zweitälteste geht in die 9. Klasse, mit einem gewissen Stolz im Blick. Ahmad, der Fünftklässler, der gerade im Diesterweg-Gymnasium einen neuen Lebensabschnitt begonnen hat, staunt über die Eltern und wie der Vater – er ist Diplomingenieur für Ökonomie – gelassen erzählt und dabei eine Perlenkette durch die Finger gleiten lässt. „Mit Herz und Disziplin muss man den Ramadan erleben.“ Das Wort Ramadan kommt ihm butterweich über die Lippen, das „d“ im Wort spricht er als samtenes „sf“. „Ein Beispiel: Als reicher Mann muss man sich wie ein Armer fühlen, man muss in sich gehen, hilfsbereit sein, eine große Aufmerksamkeit pflegen“, sagt das Familienoberhaupt weiter. An der Wand über der Essecke hängt ein Rahmen mit dem schmuckvoll verzierten Schriftzug „Allah“. Die Salehs wirken sehr miteinander verbunden, sehr gläubig, sehr ruhig und stark. Der Koran steht stets bereit, auch eine Bibel. „Wir verehren alle Propheten, auch Jesus“, sagt Taher Saleh.
Die Familie kam 2003 aus dem vom Krieg geschundenen Irak nach Deutschland, nach Plauen. In Mosul, ihrer einstigen Heimatstadt, fühlten sich die Salehs damals nicht mehr ihres Lebens sicher, die Perspektiven für ihre Söhne versanken im Chaos, im Terror, in der Verzweiflung. Mosul liegt im Norden Iraks, an die 400 Kilometer von Bagdad entfernt. Eine Riesenstadt, ein Moloch ist sie, in dem Extremisten sogar zeitweise eine eigene Republik ausriefen und Menschen, die nicht streng islamisch lebten, bedrohten und viele gar töteten.
Nun leben die Salehs in ihrem Plauen, wie sie betonen. Vater Taher hat Arbeit bei einer Pizzabäckerei gefunden. Er strahlt: „Ich bin Pizzafahrer.“ Mutter Amal fühlt sich wohl und sagt sanft: „Eine kleine Stadt ist Plauen, eine sichere Stadt, schön.“ Sie, die studierte Mathematiklehrerin, ist in der jetzigen Heimat zwar derzeit „nur“ Hausfrau, aber umso mehr Mutter und daheim und gut aufgehoben. Tagsüber falle es ihr – jetzt zum Ramadan – nicht schwer, nicht zu trinken und nicht zu essen. Dafür lese sie oft oder mache die Wohnung sauber, meint sie lächelnd.
Oder sie geht in die nahe Moschee, die an der Dobenaustraße/ Ecke Theaterstraße liegt. „Ich besuche auch einen Deutschkurs“, meint die Mutter beinah ohne Akzent. Warum fasten Muslime? Im Gespräch mit den Salehs ist zu erfahren, dass das Fasten zu den fünf Säulen des Islam, zu den Hauptpflichten gehört. Da wären die Einheit Gottes und des Propheten Muhammad, das tägliche fünfmalige Gebet, die Wallfahrt nach Mekka und die freiwillige Abgabe für Bedürftige.
Wir schreiben das Jahr 1431. Laut islamischem Kalender steht diese Zahl dem gerade laufenden, weltlichen Kalenderjahr 2010 gegenüber. Am 15. September (das ist der 24. August gewesen) steht auf dem Zettel der Gebete an der Wand, dass um 20.15 Uhr die Sonne untergeht und damit das Essen aufgetragen werden kann. Daddeln, Suppen, Fleisch, Reis, Weizenknödel mit Hackfleisch und Zwiebeln, Kaffee, Tee, Wasser und Milch werden im großen Familienkreis gereicht. Wieder ist ein Ramadan-Tag geschafft. Und man meint zu hören wie der Prophet Muhammad leise sagt: „Der Ramadan verbrennt die Sünden und Fehler, wie das Feuer das Holz verbrennt“. Am 9. September haben ihn die Salehs geschafft – den Ramadan.
Von Frank Blenz
2010-08-26
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