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Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Rund 200 Asylbewerber wohnen im Vogtland

301209 RussenkasernePlauen – Die „zentrale Einrichtung zur Unterbringung von Asylbewerbern“ im Vogtland ist eine alte Russenkaserne im Plauener Stadtteil Westend. Das Gelände wirkt nicht einladend. Hinter einem alten Metallzaun ragen zwei große Gebäude und ein Nebenhaus in den Himmel, der mattweiße Putz ist abgewetzt. Die Häuser begrenzen einen mit Wiese, Gängen und Bäumen versehenen Innenhof, den man durch die geöffnete Tür neben dem Kasernentor erreicht.


In den Bauten gibt es Einzel- oder Doppelzimmer, wohnungsähnliche Unterbringungen, Sozialräume und Gemeinschaftsküchen, die über lange Gänge zu erreichen sind. „Durchschnittlich zählen wir etwa 200 Personen in der zentrale Einrichtung“, informiert die Pressesprecherin des Landkreises Kerstin Büttner. „Die meisten Bewohner haben ihre Heimat im Libanon, Indien und China“, so die Angestellte des Vogtlandkreises. Früher gab es sechs Heime. Es kamen viel mehr Flüchtlinge, auch ins Vogtland. Mittlerweile ist Europa eine Festung oder für Menschen aus anderen Ländern des Kontinents ist der Fortgang nicht mehr möglich. Freiheit suchende Menschen erreichen die EU wegen der abgeschotteten Außengrenzen sehr schwer.


Familien leben dezentral


Geht man durch das Asylheim und kommt mit den meist scheuen Bewohnern doch ins Gespräch, erfährt man, dass gerade nicht viele Menschen der 200 die Einrichtung direkt bewohnen. „Viele Familien mit Kindern sind dezentral in Wohnungen untergebracht, weshalb die Anzahl der in der Einrichtung lebenden Kinder derzeit gering ist“, sagt dazu Kerstin Büttner.


Über den Gang schlurft eine junge Frau aus Asien mit einem Beutel Gemüse, Reis und einem Topf. Sie bereitet das Mittagessen vor. Meist sieht man aber keine Menschen, sie halten sich meist in den Zimmern auf. Oder sie sind unterwegs. So haben sich einige Männer, wie immer nach dem Frühstück, lange schon auf den Weg in die Stadt gemacht. Zu Fuß. Geld für die Straßenbahn wird gespart, sie haben sehr wenig. Und sie seien zum Nichtstun verdammt, aber man komme wenigstens raus aus der Kaserne, etwas Freiheitsgefühl komme auf und man sehe das Treiben in der Stadt. „Es ist zum Verrücktwerden“, erzählt ein Mann aus Afghanistan.


Die Asylbewerber seien gut versorgt, wird vom Landratsamt gesagt. Die fest angestellte Sozialarbeiterin Gabi Weiß unterstütze die Bewohner bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme und sei auch bei ihrer Freizeitgestaltung behilflich. „Wenigstens Gabi ist eine sehr freundliche Frau“, lobt auch Ibrahim Muammas wie seine Mitbürger aus Libyen, Irak und China. Bei Behördengängen, bei finanziellen Fragen, bei Rechtsproblemen: Immer sei Weiß zur Stelle.


„Gabi ist eine freundliche Frau“

Die Männer weilen oft in der Stadt, wo sie sich unterhalten. Über die Zukunft, die so ungewiss erscheint. Diese Flüchtlinge, hier im Vogtland, sie würden sehr gern dazu gehören, gebraucht werden, sich integrieren. Weiter als bis zur Landkreisgrenze dürfen sie nicht und in manchem ihrer Dokumente steht: „Aussetzung der Abschiebung.“ Laut dem Deutschen Flüchtlingsrat befänden sich derzeit rund 100 000 Flüchtlinge in der Bundesrepublik in der Warteschleife, der so genannten Kettenduldung.


Sie erhielten kein Aufenthaltsrecht, könnten aber auch nicht zurück in ihre Heimat. „Da würde ich einen Kopf kürzer gemacht werden“, sagt ein Plauener Asylbewerber, der mit seiner Hand die Geste des Halsabschneidens macht.
Als wäre das Plauener Asylheim ein schöner Ort, wirbt das zuständige Landratsamt: „Für die sportliche Betätigung stehen Tischtennis, ein Fitnessraum und eine Einrichtung zum Freiluftschach zur Verfügung. Für die Kinder sind ein Kinderspielplatz sowie ein Kinderspielzimmer vorhanden.“


Das Heim indes ist kein Ort, den man einladend empfindet. Warum aber leben die Menschen in der Kaserne, so wenig komfortabel, so als wären sie nicht willkommen, als würde man sie gar nicht haben wollen?
Im Amtsdeutsch liest sich eine Richtlinie, die der Deutsche Flüchtlingsrat verurteilt: „Die Lagerunterbringung soll die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern.“ Diese Praxis sei seit den 1980ern im Land gängig. Was folgt, seien große Verzweiflung und Proteste der Betroffenen und Flüchtlingsorganisationen. Denn sie würden entrechtet, diskriminiert, zermürbt und außerdem körperlich und psychisch krank.

 

Das Landratsamt hebt derweil das städtische Bemühen hervor, gerade die Kleinen nicht sich selbst zu überlassen. Das zeige sich auch daran, dass zur Verfügung stehende Kindergartenplätze von den ausländischen Familien in Anspruch genommen werden könnten. „Im Übrigen gilt für die Kinder die allgemeine Schulpflicht“, so Pressesprecherin Kerstin Büttner weiter. Den Sprachunterricht für Große, der in den vergangenen Jahren in einem Zimmer im Heim stattfand, den gibt es dagegen nicht mehr, sagt Muammas. Ihm bleibt ab und an eine Stunde bei einer Lehrerin in der Stadt.


Papst fordert sichere Bleibe

In einigen Städten Deutschlands kam es schon zu Demonstrationen, diese Lager, Asylheime und dergleichen zu schließen. In Plauen steht die alte Kaserne noch und ist in Betrieb. 200 Flüchtlinge leben hier. Im Fernsehen sahen sie auch die Weihnachtsansprache von Papst Benedikt „Flüchtlingen muss man eine sichere Bleibe bieten. Wer durch Hunger, Intoleranz oder die Zerstörung der Umwelt aus seiner Heimat vertrieben werde, müsse Aufnahme finden“, sagte der Papst vom Balkon des Petersdoms in Rom. Ob er damit so etwas wie eine alte Russenkaserne und die Zukunftsaussichten der vogtländischen Asylbewerber meinte?

 

Von Frank Blenz

 

2010-01-03




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