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Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.
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Peter Peisker überlebte Bombenangriffe auf Plauen
"Miteinander reden ist das Allerwichtigste"
Plauen – Nach dieser Nacht hat sich Peters Leben verändert. Grundlegend und für immer. Sechs Jahre ist er damals alt. Und es wird Jahrzehnte dauern, bis er über diese Nacht und sein Leben danach sprechen kann.
10. April 1945. Eigentlich keine besondere Nacht. Denn an die Bomber und den bei ihrem Anflug ausgelösten Sirenenalarm hatten sich die Plauener und auch Familie Peisker längst gewöhnt. „Unsere Mutter wollte, dass wir immer angezogen ins Bett gingen, mit Schuhen, um bei Alarm schnell in einen Luftschutzkeller zu kommen“, erinnert sich Peter Peisker, der heute in Bayreuth lebt, an die Zeit vor 65 Jahren. Und wie sich heutige Steppkes in zig Jahren an ihre Urlaube in allen Gegenden der Welt erinnern werden, kann er mühelos die Luftschutzkeller aufzählen, in denen die Familie Unterschlupf vor dem Bombenregen suchte. „Wir waren in der ehemaligen Plauener Gardine, beim „Lang“, im Felsenkeller in der Syrastraße, in der Strernquellbrauerei, wo in den Gängen noch Rüstungsmaschinen standen und auch im Tunnel beim Lochbauer“, erinnert er sich.
Auf einmal herrschte Totenstille
Doch an jenem 10. April war alles ein wenig anders. Eine Spur ruhiger, zumindest für die Peiskers. Denn der Lebensgefährte der Oma war da. „Wir fühlten uns irgendwie sicherer in Anwesenheit eines Mannes und beschlossen zu Hause zu bleiben, als der Alarm einsetzte. Ein verhängnisvoller Irrtum. Als die Bomber gegen 23 Uhr schon ganz nah waren, flüchtete die Mutter mit ihren fünf Kindern samt Oma und deren Lebensgefährten in den Keller ihres Wohnhauses Heubnerstraße 31. „Nach kurzer Zeit ging das Licht aus, es klirrte und krachte, nur noch Steine und Staub um mich rum, dann herrschte Totenstille. Auf einmal rief jemand, ob da noch jemand sei. Es war der Lebensgefährte meiner Oma. Nur er und ich hatten überlebt“, sagt Peisker.
Am frühen Morgen des folgenden Tages wurden beide von einem Anwohner aus dem Schuttgebirge befreit. „Ich hatte wohl Glück, weil ich im Keller günstig saß“, meint Peisker rückblickend. Mutter und die vier Geschwister hatten dieses Glück nicht.
Gefühle später aufgearbeitet
Ee habe eigentlich nie darüber sprechen können. Seine Gefühle aufzuarbeiten sei erst möglich gewesen, als die Stadt Plauen der Bombennnacht gedachte. „Zum 60. Jahrestag saßen wir Zeitzeugen an einem kleinen runden Tisch im ehemaligen Haus der DSF und hörten abends das Glockenläuten, da kamen die ganzen Erinnerungen und Gefühle mit Macht wieder raus.“ Einen weiteren Gefühls- und Erinnerungsschub löste der Film „Codename Brisling“seines Sohnes Tino Peisker aus. Auf seinen Großen ist er übrigens mächtig stolz, „das kann ich erhobenen Hauptes sagen“. Tino und Torsten Schad seien es gewesen, die das Thema den Plauenern wieder zugänglich gemacht haben.
Der Film bewirkte übrigens noch etwas privat Außergewöhnliches für Peisker senior. Die Nichte einer älteren Dame schenkte ihrer Tante die DVD. Und jene Frau Kraus, damals 16 Jahre alt, die lange Jahre in München lebte und nun wieder nach Plauen zurückzog, war selbst Augenzeugin der Bombennacht und erkannte im Film Peter Peisker. „Wir haben jetzt Verbindung zueinander und haben uns schon zwei Mal besucht“, freut sich Peisker
Zurück zum Tag danach. Unmittelbar nach dem überlebten Angriff begann Peiskers Tortur eigentlich erst richtig. „Nachbarn haben mir die Wahrheit gesagt, aber ich habe das wohl gar nicht so mitgekriegt, wollte wohl auch ein bissel stark wirken als Sechsjähriger. Erst am zweiten Tag ist mir alles so richtig bewusst geworden.“ Zunächst kam er zu fremden Leuten nach Möschwitz. „Als ich dort im Bett lag, habe ich erst mal geheult wie ein Schlosshund.“
Spielzeug-Jeep vom „Ami“
Die Mutter seines Vaters, also die „andere Oma“ bringt ihn wenig später nach Treuen. „Unterwegs kamen Tiefflieger, wir rein in den Seitengraben, die haben voll auf uns drauf gehalten.“ Peisker überlebt ein zweites Mal. Weitläufige Verwandte in Treuen nehmen ihn auf, dort erlebt er auch den Einmarsch der Amis. „Angst hatten wir alle und haben weiße Betttücher rausgehängt“, erinnert sich Peisker noch wie heute. „Ein Amerikaner schaute auf das Bett-Tuch und winkte mich runter. Was hatte ich für Schiss. Als ich unten war, schenkte er mir einen Spielzeug-Jeep.“
Doch ein Geschenk macht noch keine schöne Kindheit. „Die hatte ich nicht. Wenn die Mutter fehlt, fehlt dir auch die Nestwärme, die hatte ich nie und deshalb bist du nirgends richtig froh.“ Von Treuen „wechselt“ Peisker zu fremden Leuten in die Beethovenstraße, von da zur Patentante in die Geibeltstraße in Haselbrunn. „Da habe ich oft Schellen bekommen, einmal sogar aufgesprungene Lippen, weil ich in der Speisekammer genascht hatte. Das Zimmer war total verwanzt, mein Bett immer blutig“, erinnert er sich an seine unschöne Kindheit.
1947 kam der Vater aus der Gefangenschaft und auch dessen Schicksal wäre einen eigenen Beitrag wert. Denn ganz nah war der Vater seinem Sohn schon mal gekommen. An der Front hatte er die Nachricht vom Verlust fast seiner ganzen Familie erhalten und daraufhin Urlaub bekommen. Man hatte ihm nur gesagt, dass ein Kind überlebt habe, nur welches, wusste er nicht. Also schlug er sich in den letzten Kriegstagen nach Treuen durch und wurde wenige Kilometer vorher von den Amerikanern festgenommen. Von da ging es in Gefangenschaft nach Frankreich.
Nun also kehrt der Vater zurück, die Leidenszeit bei der Patentante hat ein Ende. Bis 1949 wohnen sie in der Tauschwitzer Straße, dann heißt es wieder umziehen in die Fiedlerstraße in der „Ost“. Peisker hat in diesen Jahren so ziemlich jede Plauener Schule von innen kennengelernt. Vater heiratet erneut, „die Stiefmutter war immer gut zu mir“, sagt Peisker. Die Zeiten normalisieren sich langsam, die Trümmerberge weichen ersten Neubauten. Peisker lernt Spitzendreher in der Mawo, qualifiziert sich zum Meister im Gaswerk, später im E-Werk, was zur Energieversorgung Karl-Marx-Stadt gehörte. Wird später Schichtmeister, rollende Woche selbstverständlich.
Mussten irgendwie überleben
Ob er von jener Bombennacht noch Bilder oder Gerüche in sich trage? „Es war ein ganz normaler Keller, ich sehe noch verschwommen, dass wir uns gegenübersitzen. Aber die Bilder verblassen langsam.“ Und Gerüche? „Eigentlich net, meint Peisker schmunzelnd, „ich hatte mein ganzes Berufsleben mit Staub und Dreck zu tun. Was mich viel mehr belastet, sind die seelischen Dinge. Auf der Heubnerstraße habe ich vermutlich als einziges Kind überlebt. Die Straße war danach mit Splittern übersät und durch meine Odyssee hatte ich auch nie richtige Spielgefährten.“ Macht er den Kriegsgegner für sein Schicksal verantwortlich? „Wer die Ursache für den Krieg lieferte, darüber habe ich natürlich erst später intensiv nachgedacht, solche Gedanken kommen einem Sechsjährigen nicht.“ Peisker weiß, „mein Schicksal ist eines von Tausenden. Bilder im Fernsehen von den Trecks aus dem Osten, die nehmen mich stark mit.“
Krieg ist keine Lösung
Er erinnert sich an die Hungerjahre nach dem Krieg, als er von den von den Russen bewachten Waggons Briketts klaute, auf den Feldern Ähren suchte oder nach Restkartoffeln buddelte. „Irgendwie mussten wir ja überleben.“ Peisker ist ein Kriegskind. Welche Meinung hat er zu Kriegen generell?
„Als Kind kam ich immer am Konsument-Warenhaus vorbei. Da gab es zwei Schaufenster, eines mit Kriegsspielzeug, das andere mit Teddys und Puppen. Auf einem großen Schild stand: ‚Nie wieder Krieg‘. Nein, ich bin kein Befürworter des Krieges in Afghanistan, wo die Menschen in Not und Elend leben. In einer modernen Zeit gibt es genug Möglichkeiten, Probleme modern zu lösen, auf diplomatischem Weg. Man muss miteinander reden. Miteinander reden ist das Allerwichtigste.“
Von Torsten Piontkowski
2010-04-12
Kommentar zu Peter Peisker überlebte Bombenangriffe auf Plauen?
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