Hub-Blog "Ansichtssache" jeden Samstag neu...

Herausgeber Wilfried Hub Handikap

Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.

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Im Monat bleiben 100 Euro

250810 LeskienPlauen – Elsa und Klaus Leskien sind ein altes Plauener Ehepaar. Zusammen in einer Bleibe lebt das Paar nicht mehr. Sie ist im AWO-Pflegeheim Kastanienweg 1 am Chrieschwitzer Hang in Plauen untergebracht, er im Haus nebenan in einem kleinen Appartement für betreutes Wohnen. Sie sehen sich, wenn Herr Leskien seine Frau besucht. Zum Kaffeetrinken gegen 15 Uhr und wenn sie Hilfe gebrauchen kann. Sie kann sie oft gebrauchen.


Elsa Leskien sitzt im Rollstuhl, beide Beine amputiert wegen der Zuckerkrankheit. Still sitzt sie da, silbern liegt ihr gut frisiertes Haar, den Blick hat sie nach vorn gerichtet. Laut klingt ihre Stimme. Ihr Mann ist auch gehandicapt. Es wurden Teile seiner Füße amputiert, ebenfalls wegen Zucker. Frau Leskien hat Pflegestufe II. Seine Anträge auf Pflege wurden bisher abgelehnt. Er muss allein zurechtkommen. Klaus Leskien, ein kleiner Herr mit freundlichen Augen und einem ostpreußischen Dialekt, kann kaum laufen.

 

Gern mal Plauen ansehen

 

Elsa Leskiens Bleibe im fünften Stock des Heimes sieht einem Krankenzimmer ähnlicher als einer Wohnung. Tisch, Stuhl, Bett mit Haltegriff, ein alter Fernseher, drei Bilder an der Wand und eine schlichte Lampe. Der Vorraum ist die Garderobe. Wenn die 81-Jährige aus dem Fenster schaut, sieht sie auf den Stadtrand, den Wald. Entspannend. Auch beim Fernsehen erlebt die alte Dame Entspannung. „Volksmusik am Morgen im Bayerischen und die Landschaft – das ist schön.“ Raus komme sie nicht. Dafür würde sie Helfer brauchen, die gäbe es nicht. Ihr Mann, 76 Jahre, könne nicht mehr wie er möchte. Frau Leskien ist seit drei Jahren hier: „Plauen habe ich seitdem nicht gesehen. Würde gern durch die Stadt gerollt werden.“


Im Großen und Ganzen sei das im Heim ordentlich, erzählt Elsa Leskien. In der Tat: Die Gänge, die Aufenthaltsräume, die Wände, die Wiesen, die Bepflanzungen, die Dekoration, der Eingangsbereich – alles sieht wie in einem Drei-Sterne-Hotel aus. Auf Anschlagtafeln liest man von Programmen und Musik und Kino. Im ausliegenden Heft des Betreibers erfährt man, wie die Landesgeschäftsführerin von hochwertiger Arbeit in der Pflege spricht.


Elsa Leskien hat eine andere Meinung, die klingt konträrer. „Die Rentner werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans“, schimpft sie auf die Politik. Sie rechnet ihr Budget vor. Die Rente ist klein, weil sie zwar hart als Stepperin zu Hause arbeitete, aber nicht viel verdiente. Alles weg, alles gehe zusammen mit dem Pflegegeld für das Heim drauf. „100 Euro Taschengeld bleiben. Wäre gut, wenn ich das für meine Sachen ausgeben könnte. Doch ich muss selbst bezahlen, was zur Pflege dazugehören müsste.“ Pflaster, Toilettenpapier, Intimcreme, Medikamente, Seife – vom Taschengeld. Die Wundsalbe koste 14 Euro die Tube. Selbst die Pfleger hätten kein Pflaster oder Zellfleckchen für die Stiche beim Spritzen. „Muss ich selbst kaufen.“ Die internen Telefonate von Haus zu Haus im Heim seien kostenpflichtig.

 

„Muss vieles selbst zahlen“

 

Wenigstens zweimal im Monat zum Frisör und ab und zu bissel Obst kaufen, blieben ihr, sagt sie. Sie freut sich, als ihr Sohn eine Packung Frischkäse bringt für ein paar Euro. „Mal was anderes“. Als Diabetikerin bekomme sie keine spezielle Nahrung. „Aber meinen Pfannenkuchen lasse ich mir nicht nehmen“, verrät sie lächelnd.


In der Mitte des Etagenganges befindet sich ein Klubraum, der Essenraum, da man seine Mahlzeit nicht in seinem Domizil einnimmt. „Ich muss vor fahren, mich holt keiner, ob ich kann oder nicht“, erzählt Leskien. Hier sitzt oft eine alte Frau im Rollstuhl, allein vor sich hin starrend. „Die alte Frau bekommt nie Besuch, die sitzt immer nur da, sie hat niemanden. Schlimm“, erzählt Elsa Leskien. Die 81-jährige schüttelt beim Anblick der Wäsche vom Heim den Kopf: „Ich bekomme Handtücher, die sind zig Mal gereinigt und dünn, dass man durchschauen kann.“ Laut wird sie beim Thema Körperpflege. „Man wäscht mich im Intimbereich nachlässig“, sagt sie. Alle acht Tage werde gebadet.

 

Leben lang gearbeitet

 

Rückblick. Sie lernt Klaus in den 1950ern kennen. Sie hat schon ein Kind, eine Tochter. Beide beschließen trotz schiefer Blicke zusammen zu bleiben. Aus ihrer Ehe erwächst ein Sohn. Vater Klaus Leskien arbeitet viel. Er ist Enttrümmerer, Zuarbeiter in einer Weberei, im Kohlenbahnhof, in einer Lackfabrik, im Lebensmitteltransport und im Stahlbau, zuletzt beim Betriebsschutz. Elsa arbeitet daheim an der Steppmaschine wegen der Kinder und um etwas dazu zu verdienen. „Wir haben nicht gehungert, aber es war nicht viel drin. Meine Kinder haben Butter, wir haben Margarine gegessen.“ Ein Mal fahren sie in den Urlaub. Ins Erzgebirge.


Sie leben in Chrieschwitz. Ihr Block wird in den 1990ern abgerissen, sie kommen in die Seniorenresidenz Neundorf. Doch Frau Leskien geht es immer schlechter. Ihren damaligen größten Schicksalsschlag jedoch erleben die Leskiens schon in den 1970ern. „Meine Mutter wurde von einem Milchauto auf der Reusaer Straße erfasst. Der Fahrer hat im Haltebereich der Straßenbahn überholt und meine Mutter mitgerissen. Tot.“


Ihren jetzigen größten Schicksalsschlag empfinden die Leskiens mit ihrer „Abschiebung“ in das Heim und wie sich die Pflege entwickle. Die Rentnerin erinnert sich: „Wissen Sie, früher waren vier Pflegerinnen auf einer Etage, es sind fünf Stock im Haus. Jetzt sind es zwei Pflegerinnen. Die rennen wie die wilden. Es geht hier nach Minuten.

 

Es geht im Minutenakt

 

Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen und auch der Heimchefin. Die sagt, ihr sind die Hände gebunden. Sparen, sparen, sparen. Aber ich frage mich, mein Platz kostet 2500 Euro und auf einer Etage sind 23 Rentner, wie wird das ganze Geld verwendet? Gern wäre sie im Neubau Kastanienweg 2 untergekommen. Dort ist es schöner, heller, besser. „Das kann ich mir mit meiner kleinen Rente aber nicht leisten.“


Klaus Leskien schlürft an einer Tasse Kaffee und nickt. Er schimpft mehrfach dazwischen. Erzählt, dass er für seine kleine Bleibe nebenan im anderen Haus, ein Zimmer mit Bad, 300 Euro bezahlen müsse. In der Stadt kriege man dafür eine 50 Quadratmeter-Wohnung. Er mache sich seine Gedanken.


„Die Merkel soll sich das mal anschauen, die Großen kümmern sich nur um sich. Die kleinen Leute müssen zusehen. Ich hatte schon einer Ministerin, der Schmidt geschrieben. Keine Antwort. Nicht ein Wort.“ „Was soll‘s, murmelt er resigniert. Seine Frau versorgt Herr Leskien liebevoll. 17 Uhr gibt es Essen. Er verabschiedet sich zuvor. „Ich muss um 19 Uhr ins Bett, die Pflegerinnen wollen fertig werden. Morgen um halb sieben wird geweckt, der Tagesablauf ist streng. Was ich mir wünsche: Bissel mehr Taschengeld, mehr Hygiene und ab und zu in die Stadt“, sagt Elsa Leskien zum Abschied. „Wenn ich meinen Mann nicht hätte, hätte ich die Brille auf.“ Der nickt mild lächelnd.

 

Von Frank Blenz

 

2010-08-26




Kommentar von _Thomas Meyer am 27.08.2010; 11:42:13 Uhr

Kommentar zu Im Monat bleiben 100 Euro

Auch andere Statistiken zeigen, z.B. vom großkonzernnahen DIW, dass generell immer mehr Menschen immer weniger verdienen und die Reallöhne seit vielen Jahren sinken. Aber ändert sich etwas? Nein! Unter SPD/GRÜNE hat das erst so richtig angefangen und wurde von SPD/CDU/CSU und jetzt von CDU/FDP/CSU fortgesetzt. Die Reichen werden immer reicher. Geschenke an die Wirtschaftsmächtigen und bei den mitlleren und unteren Gehaltsgruppen wird kräftig zugelangt. Diese tragen die Hauptlast und gleichzeitig werden staatliche Rentenversicherung und Gesundheitssystem Stück für Stück privatisiert. Die LINKE wird auch hier in der LVZ diffamiert und so gibt es keine wahrnehmbare, gestalterische Alternative in unserer Parteiendemokratie.
So lange das Heer der Armen nicht zu sehr auffällt und alle vom Reichtum träumen oder ausreichend genügsam sind, geht das weiterhin gut...
aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht...

Kommentar zu Im Monat bleiben 100 Euro?

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