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Die Zeit ist schnelllebig. Viel zu schnelllebig. Leider. Die Top-Themen, die noch vor einigen Wochen tagelang die Zeitungsspalten füllten und die Nachrichten beherrschten, werden ganz schnell zum Ladenhüter, zu Themen, von denen die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz nimmt. Dabei stellt sich die allgemeine Teilnahmslosigkeit oft genau dann ein, wenn das öffentliche Interesse besonders wichtig wäre. Die Rede ist vom Plauener Traditionsbetrieb Plamag. Anfang der Woche zog sich der nächste Kaufinteressent zurück. Die Zukunft des einstigen Manroland-Werkes ist damit wieder völlig offen. Doch es gab keinen Aufschrei in der Bevölkerung, keine Demonstrationen in der Plauener Innenstadt, keine Statements der Politiker – das Thema zieht nicht mehr.
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Fiskus auf Schnitzeljagd im Kaffeehaus
Hammerbrücke/Beerheide – „Existenzvernichter Finanzamt Plauen!“ Mit dieser Parole geht der Hammerbrücker Gastwirt Gerhard Kaltscheuer am Montag demonstrieren.
Er wehrt sich gegen den Verdacht des Finanzamtes, bei den Essensportionen getrickst und Steuern hinterzogen zu haben. Stammkunden und Berufskollegen gehen mit ihm auf die Straße. Gestern Mittag, punkt 12: Die „Futterstube“ in Hammerbrücke ist gut mit Gästen gefüllt. Wirt Gerhard Kaltscheuer bringt ein Essen nach dem anderen aus der Küche, in der seine Lebensgefährtin Regina steht und kocht und brutzelt. Gut gewachsene Schnitzel, Berge von Pommes und dicke Eierkuchen stellt Kaltscheuer vor seinen hungrigen Gästen ab: Ganze Kerle in Holzfällerhemden oder im Blaumann, Forstarbeiter, Monteure, Männer vom Bau. Zwei, drei Rentner – und ein Kind. Sie alle wissen von den Nöten ihres Wirtes mit dem Finanzamt, sie haben davon im Vogtland-Anzeiger gelesen, und den Beitrag im MDR gesehen.
„Der kleine Mann muss ordentlich beim Fiskus draufzahlen, aber die Banker kriegen staatliche Unterstützung. An die Großen traut sich unser Staat bloß nicht ran“, meint Michael Neudel, Kundendienstberater und Stammgast in der Futterstube. „Hier schmeckt´s wie bei Muttern, nix mit Essen aus der Mikrowelle, wie an manchem Imbiss“, sagt Kollege Frank Schwabe. Beide Männer sind sich einig: Würde der Wirt nicht so große Portionen servieren, würden sie ihr Steak au four für den Preis von 4,50 Euro nicht kaufen.
Der Meinung ist auch Hans Gerischer – Rentner aus Schönheide. „Die vielen Waldarbeiter, die brauchen ordentlich Futter. So eine Finanzamtsportion, das geht gar nicht.“ Ein Mal pro Woche kehrt der alte Herr mit seiner Ehefrau in der „Futterstube“ ein, weil es dort schmeckt, wie einst bei seiner Mutter und die Geschmäcker und Gerüche aus der Kindheit wieder auferstehen. Der Rentner, als auch die beiden Kundenberater sowie ein weiterer Gast, ein Ingenieur, wollen am Montag zur Demo nicht fehlen. Gerischer: „Wir wollen zeigen, dass wir mit der Willkür durch das Finanzamt nicht einverstanden sind.“
„Die, die keine materiellen Werte bringen, die werden immer mehr, und die vielen, die arbeiten, werden immer ärmer“, moniert der Ingenier, der hier meist ein großes Schnitzel speist. „Die Portionen passen hier. Wenn sie kleiner wären, kämen wir nicht her“, sagt Forstarbeiter Karsten Bauer in die Runde seiner Kollegen hinein.
Der Steuerprüfer werfe ihm vor, mehr Portionen verkauft zu haben, als angegeben und mit den Mengen getrickst zu haben. Nach Meinung des Prüfers müssten mehr als das Doppelte an Beefsteaks aus der Rohmasse herauskommen. Deshalb soll Kaltscheuer nun 38 000 Euro Steuern nachzahlen.
Das soll auch Heidi Klemm, Inhaberin des Alten Kaffeehauses in Beerheide. „Wir haben durch unseren Steuerberater angekündigt bekommen, dass das Finanzamt eine Steuernachzahlung von 40 000 Euro für die Jahre 2007 bis 09 fordern wird. Wenn das so kommt, können wir zu machen“, sagt die 30-Jährige deprimiert. Auch ihr habe ein Prüfer bestätigt, dass die Portionen zu groß sind. Ergo: Man ihr nicht abnimmt, dass es zum 200-Gramm-Schnitzel eben 230 Gramm Salat und 300 Gramm Pommes, zum Fisch 180 Gramm Brockoli, Blumenkohl oder Erbsen gibt.
„Die Vogtländer mögen schon ordentliche Portionen“, so die Antwort der Wirtin auf die Forderung des Prüfers nach kleineren Mengen. Auch gehe der Prüfer von nur fünf Prozent Verlust bei jeglichen Lebensmitteln aus. Doch kaufe man beispielsweise 100 Gramm Wild, so wanderte etwa die Hälfte – weil Knochen – in den Abfall. „Die Kalkulatuon der Prüfer kann nicht stimmen“, sagt die gelernte Hotelfachfrau. Mit 23 hat sie das Kaffeehaus übernommen, in den Jahren viel Erfahrungen gemacht – und auch Lehrgeld bezahlt. Erst kürzlich habe sie 45 000 Euro für einen neuen Wasseranschluss, Auflage der Unteren Wasserbehörde, begleichen müssen. Nun will auch noch das Finanzamt zulangen.
Weil sich Gerhard Kaltscheuer vom Finanzamt nix mehr gefallen lässt, hat auch Heidi Klemm Mut geschöpft und ist an die Öffentlichkeit gegangen. Auch vom Kaffeehaus wird zur Demo am Montag, 16 Uhr, auf dem Plauener Altmarkt jemand mit dabei sein. Seit einer Woche kann sich der Futterstuben-Wirt vor Medienpräsenz kaum retten. MDR, Spiegel TV, Sat I und Frontal 21 vom ZDF halten den Fokus auf die vogtländischen Gastronomen. Zur Demo wird Gerhard Kaltscheuer all seinen Frust über die Erbsenzähler vom Finanzamt durchs Megafon rufen. cze
2010-09-18
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